Berlin : Zufalls-Kunstraub: Dreieinhalb Jahre Strafe: Teurer Irrtum des Autodiebs

Peter Murakami

Drei Jahre und sieben Monate Gefängnis wegen besonders schweren Diebstahls, Hehlerei und unerlaubten Waffenbesitzes lautet das Urteil des Landgerichts gegen den Kunstdieb Krzystof S. Der 29-jährige Autoschieber hatte im März dieses Jahres in Charlottenburg einen Kleintransporter mit Kunstwerken im Wert von rund 1,6 Millionen Mark gestohlen - offensichtlich aus Versehen. Denn der größte Kunstdiebstahl der Berliner Geschichte hat sich im Verlauf des Verfahrens als Zufall herausgestellt. Denn so rasch der versierte Autoknacker in Kraftfahrzeuge im Allgemeinen und in den rund 20.000 Mark teuren Kleintransporter im speziellen eindringen konnte, so wenig Zugang fand er zu den Kunstwerken, die er im Laderaum des roten Lieferwagens fand. "Nichts wert", urteilte Krzystof S. verärgert angesichts der Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen von Joan Miro, Otto Dix, Lyonel Feininger, Heinz Trökes und Käthe Kollwitz.

Deshalb gab er sich alle Mühe, den vermeintlich wertlosen Krempel los zu werden. Einen Teil der Werke entsorgte er sogar auf dem Schrottplatz. Erst als er durch die lokalen Zeitungen von dem "Millionen-Kunstraub" erfuhr, dämmerte ihm, was er da an Kunstschätzen zufällig erbeutet hatte. Krzystof S. rief einen ihm bekannten Hehler an, den 31-jährigen Libanesen Atef M. und bot ihm die die 44 verbliebenen Werke für 20.000 Mark an. Dass er dabei eigens ein rund 80.000 Mark teures Gemälde zersägte, weil es nicht in sein Auto passte, spricht auch nicht für den Kunstverstand des Deutsch-Polen. Der Hehler Atef M. bezahlte ihm statt der geforderten 20.000 Mark nur 3000 Mark und versteckte die Gemälde in einem Keller in der Potsdamer Strasse, wo er sie 20 Jahre oder 30 Jahre liegen lassen wollte, bis Gras über die Sache gewachsen wäre. Dafür verurteilte die Kammer den Mann wegen Hehlerei zu 20 Monaten Gefängnis, die zur Bewährung ausgesetzt wurden.

Den Dieb Krzystof S. bezeichnete die Richterin als einen "Kunstbanausen". Es sei ein Glück, dass Zweidrittel der Kunstwerke wieder aufgetaucht seien. Mindestens zehn der Gemälde sind jedoch auf dem Müll gelandet und daher unwiederbringlich verloren.

Den zufälligen Kunstdiebstahl lastete die Kammer Krzystof S. allerdings nicht an, da er schließlich nicht habe wissen können, was sich in dem gestohlenen Fahrzeug befand. Es blieb beim besonders schweren Fall von Diebstahl, weil er den Wagen aufgebrochen hatte. "Schließlich konnte man dem Angeklagten nicht zumuten,die Bilder ins Fundbüro zu bringen", sagte die Richterin abschließend.

Die Tat war seinerzeit weniger durch zielgerichtete Ermittlungen als durch Zufall aufgeklärt worden. Wegen seiner polizeibekannten Spezialisierung auf Lieferwagen war die Wohnung von Krzystof S. durchsucht worden. Dabei waren einer kunstinteressierten Kripobeamtin hinter einem Schrank zwei Bilder aufgefallen, die "nicht zur Art der übrigen Wohnungseinrichtung" passten.

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