• Zug der Liebe-Organisator Jens Schwan: „Den Stress tue ich mir nicht noch einmal an“

Zug der Liebe-Organisator Jens Schwan : „Den Stress tue ich mir nicht noch einmal an“

Als er Pegida sah, erzählt Jens Schwan, da war es genug. Da wollten er und sein Partner etwas tun. Herausgekommen ist eine Techno-Parade wie früher – oder doch ganz anders?

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Bitte mal anders. Jens Schwan, 43, verbringt viel Zeit damit zu erklären, warum sein Zug der Liebe keine Loveparade ist.
Bitte mal anders. Jens Schwan, 43, verbringt viel Zeit damit zu erklären, warum sein Zug der Liebe keine Loveparade ist.Foto: Georg Moritz

Als im Sommer 1989 Dr. Motte mit seiner ersten Loveparade über den Ku’damm zog, lebte Jens Schwan als hausbesetzender Punk am Senefelderplatz – hinter der Mauer. Erst einen Sommer später konnten er und seine Freunde bei der – mittlerweile auf weit mehr als die anfänglichen 150 Teilnehmer gewachsenen – Veranstaltung mitlaufen und tanzen. „Für uns stand die Parade für ein neues Lebensgefühl, für etwas absolut Zeitgemäßes“, erinnert sich Schwan. Dass er selbst einmal etwas Ähnliches organisieren würde, ahnte der heute 43-Jährige damals noch nicht.

Wie vielen anderen aus der Anfangszeit wurde Jens Schwan, der bis zu seiner Hochzeit vor ein paar Wochen Hohmann hieß, die Loveparade schnell zu groß, zu kommerziell. Heute ist er Ko-Initiator des ersten „Zug der Liebe“. Rund 30 000 Menschen haben bei Facebook ihre Teilnahme zugesagt, viele rechnen mit noch mehr, die am heutigen Sonnabend ab 14 Uhr vom Petersburger Platz in Friedrichshain bis zur Arena in Treptow ziehen wollen.

Loveparade ... Jens Schwan seufzt. Zwar hat er den Namen bewusst an Dr. Mottes Erfindung angelehnt, die Parade soll ein bestimmtes Lebensgefühl aufgreifen, so wie damals, am Anfang. Und dennoch soll alles anders sein. „Am Samstag wollen die Leute nicht nur feiern, sie wollen etwas bewegen“, sagt Schwan. Zumindest hofft er das.

Ganz große Gefühle

Der Zug der Liebe appelliert an die ganz großen Gefühle: Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe und Toleranz. Man gehe für „gemeinsames Wohlwollen, und auch unser gemeinsames Recht auf Frieden und Liebe, für alle Menschen“ auf die Straße, kündigen Schwan und Mitgründer Martin Hüttmann auf der Website der Veranstaltung an.

Seit mehr als zwei Jahren tüftelten er und Hüttmann an der Idee einer neuen Großveranstaltung für Raver. Die beiden lernten sich über das Projekt „OpenAir to go“ kennen, das Rave-Partys im öffentlichen Raum veranstaltet. Der Trick dabei: Jeder bringt ein eigenes Radio mit, keine große Anlage, keine Infrastruktur.

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"Zug der Liebe" soll keine Loveparade sein
"Zug der Liebe" soll keine Loveparade sein

Nun wird es eine Nummer größer. „Wir wollten zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“, sagt Schwan. „Tanz und Freude auf der einen Seite, Aufmerksamkeit wecken für alles was schief läuft auf der anderen.“ Die Pegida-Demonstrationen hätten letztlich den Ausschlag gegeben. „Da wussten wir, jetzt müssen wir mit der konkreten Planung loslegen“, sagt Schwan.

Termin sei ein "unglücklicher Zufall"

Im Januar erstellten sie die Facebook-Seite für den „Zug der Liebe“, datierten die Veranstaltung auf den 18. Juli 2015. „Das war voreilig, es wurde uns untersagt“, sagt Schwan, und fügt ein „leider“ hinzu. Denn der Termin der heutigen Parade liegt zeitlich in unmittelbarer Nähe zum schicksalshaften 24. Juni, der Tag, an dem 2010 in Duisburg 21 Menschen in Folge einer Massenpanik verunglückten. Der heutige Termin sei „ein unglücklicher Zufall“, sagt Schwan.

Er und Hüttmann seien sich allerdings schon lange der offensichtlichen Parallelen mit der Loveparade bewusst. Weswegen sie bereits im März dem Verein der Hinterbliebenen, Verletzten und ihrer Angehörigen einen Brief schrieben. Dass sie selbst auch Eltern seien und mitfühlten, hätten sie geschrieben. „Aber eine Antwort kam nie“, sagt der Vater eines neunjährigen Sohnes.

Es geht um "Themen und Ziele"

Sie geben sich große Mühe, der Kritik auszuweichen. Niemand soll denken, sie würden die alte Loveparade einfach unter neuem Deckmantel aufleben lassen. Auf ein konkretes Motto wie „Friede, Freude, Eierkuchen“ verzichten sie auch deswegen. „Stattdessen haben wir nur Themen und Ziele“, sagt Schwan. Sein Partner Hüttmann habe früher einen Wagen auf der Fuckparade gehabt. „Er hatte das dortige anti, anti, anti einfach satt“, sagt Schwan. So sei die Idee des „positiven Feelings, mit gutem Gewissen“ entstanden.

Dabei sind die Ansätze der Fuckparade ähnlich. Die ursprünglich 1997 als Hateparade gegründete Veranstaltung versteht sich nämlich nicht nur als Gegenbewegung zur Loveparade, sondern ebenfalls als Demonstration für zeitgemäße Themen. Beispielsweise gegen die Kommerzialisierung der Kultur und des öffentlichen Raums.

Mehr als nur eine Demo

Doch der Liebes-Zug von Schwan und Hüttmann, der mit seinem Tross aus Wagen, Musik und Tanz am Samstagnachmittag durch Berlin zieht, soll besser sein als alles, was es vorher gab. Mehr als nur „eine Demo von vielen“, verspricht der Techno-Fan und Initiator. „Mein Traum ist, dass am Ende alle teilnehmenden Vereine viele neue Mitglieder und Spenden gewonnen haben.“

Unter anderen sind das der Verein Berlin 21, der Verein Straßenkinder und die Berliner Tiertafel, bei der Schwan selbst Mitglied ist. Dafür habe er im Vorfeld viel Kritik bekommen, mit Hassmails sei er regelrecht zugeschüttet worden. „Es gibt viele, die wollen einfach nur Spaß haben und tanzen“, sagt er. „Die sehen nicht den Sinn hinter unserem Engagement.“

Es soll eine einmalige Sache bleiben

Dabei ist für jeden was dabei: Der Zug der Liebe soll eine Demo sein für „eine menschliche Lösung der europaweiten Flüchtlingsproblematik“, „mehr Jugendförderung und Schutz“ und ein „tolerantes Zusammenleben ohne Pegida“ – und das ist nur eine Auswahl. Es geht darum, möglichst viele Menschen zusammenzubringen. „Bei so vielen Aktivisten kann die Politik einfach nicht mehr wegschauen“, sagt er. Was dann eigentlich die Botschaft sein soll, das wird sich heute zeigen.

Eins ist jedenfalls klar: Für Jens Schwan soll der Zug der Liebe eine einmalige Sache bleiben. Im richtigen Leben ist Schwan nämlich Redakteur einer Autovermietung. Und nach einem halben Jahr Organisation sagt er: „Den Stress tue ich mir nicht mehr an.“

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