Berlin : Zug kracht in Stellwerk: Eisenbahner tot

Stundenlang suchten Retter nach verschüttetem Mitarbeiter. Doch jede Hilfe kam zu spät 2800 Tonnen schwerer Schottertransport war auf stehende Waggons aufgefahren und entgleist.

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Eingestürzt. Spürhunde suchten in den Trümmern des Stellwerks nach dem verschütteten Eisenbahner. Foto: dapd/ Rembarz
Eingestürzt. Spürhunde suchten in den Trümmern des Stellwerks nach dem verschütteten Eisenbahner. Foto: dapd/ RembarzFoto: dapd

Senftenberg – Nach dem schweren Zugunglück im Bahnhof Hosena bei Senftenberg ist ein 54-jähriger Eisenbahner in den Trümmern eines eingestürzten Stellwerkes am Freitagnachmittag tot geborgen worden. Mehr als 50 Helfer hatten mehr als 17 Stunden mit bloßen Händen, Schaufeln, Spitzhacken und einem kleinen Bagger nach dem Mann gesucht. Ein Spürhund des Deutschen Roten Kreuzes gab dem Suchtrupp den entscheidenden Hinweis. „Wir hatten natürlich gehofft, den Mann noch lebend zu finden“, sagte der Einsatzleiter der Senftenberger Feuerwehr, Frank Albin. „Aber am Ende fanden wir nur noch den Leichnam.“ Notfallseelsorger überbrachten die traurige Nachricht den Familienangehörigen.

Das zweistöckige Stellwerk stand unmittelbar neben dem Gleis und wurde durch mehrere entgleiste Güterwagen völlig zerstört. Bei dem Unglück am Donnerstag gegen 20.20 Uhr erlitt ein weiterer Eisenbahner schwere Verletzungen an den Beinen und anderen Körperstellen. Er war der Lokführer des einen beteiligten Schotterzuges und ist geistesgegenwärtig aus seiner Lok gesprungen, als er den unvermeidlichen Zusammenprall mit einem anderen Güterzug vor Augen hatte. Der Mann wurde neben dem Gleisbett gefunden und mit einem Hubschrauber in ein Dresdner Krankenhaus geflogen. Der Lokführer des zweiten Güterzuges erlitt einen Schock und muss ebenfalls ärztlich betreut werden.

Der Bahnhof des unmittelbar an der Brandenburger Landesgrenze zu Sachsen gelegenen Hosena glich auch gestern noch auf einem gut 50 Meter langen Abschnitt einem großen Schrottberg. Etwa sechs Güterwaggons wurden so ineinander geschoben, dass nur die verschiedenen Farben der Außenwände eine Unterscheidung ermöglichte. Räder und Türen hingen in der Luft, Wagenunterseiten lagen oben auf, und Puffer hatten sich weit in andere Waggons hinein geschoben. Eine Lokomotive wurde beim Entgleisen derart durch die Luft geschleudert, dass sie sich um die eigene Achse drehte und auf dem Dach zum Liegen kam. Der Lokführer hätte ohne seinen Absprung wohl kaum eine Überlebenschance gehabt.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Bundespolizei hatte am Donnerstagabend der eine, teils leere, teils mit Sand beladene Güterzug am Bahnhof Hosena an einem Haltesignal in Richtung Senftenberg gestanden. „Einige Waggons am Ende des Zuges ragten über den Weichenbereich hinaus“, sagte Polizeisprecher Meik Gauer an der Unglücksstelle. Aus bisher nicht geklärten Gründen fuhr der aus Senftenberg kommende und mit Schottersteinen beladene Zug in diese Wagen hinein. Aus dieser Schilderung ergeben sich zwei Möglichkeiten für die Suche nach der Ursache. Entweder hatte der Schotterzug ein Haltesignal missachtet oder der andere Güterzug war einfach zu lang, so dass sein Ende über den Weichenbereich hinausragte. Die Fachleute haben erst nach dem Fund des toten Stellwerkers mit ihren umfangreichen Ermittlungen begonnen. „Auskunft erhoffen sie sich vor allem durch die Aufzeichnungen im elektronischen Fahrtenschreiber, der unbeschädigt entdeckt werden konnte“, sagte der Polizeisprecher.

Über die Geschwindigkeit des Schotterzuges war gestern noch nichts bekannt. Er soll aber mit einer Last von rund 2 800 Tonnen unterwegs gewesen sein – die beim Zusammenprall ausgelösten Kräfte müssen ungeheuerlich gewesen sein. „Es hat einen Riesenkrach gegeben“, sagte ein Anwohner aus einer nahen Straße. „Ich kann den Knall gar nicht beschreiben. Einfach schrecklich.“

Die Aufräumarbeiten dürften noch über das Wochenende hinaus dauern. So lange bleibt die Strecke gesperrt. Für Regionalzüge zwischen Hoyerswerda und Senftenberg werden Busse eingesetzt. „Wir warten auf schwere Technik, damit der Schrottberg auseinandergezogen werden kann“, hieß es von der Deutschen Bahn. Aus Sicherheitsgründen sperrte die Bundespolizei den Unglücksort weiträumig ab. Die aufeinander getürmten Trümmer drohten jeden Augenblick auseinanderzubrechen. Darauf deuteten nicht zuletzt unheimlich klingende Geräusche hin.

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