Berlin : Zug um Zug in die Einheit

Bildband auf den Spuren des Nahverkehrs 1989/90

-

Was ist die Alternative zum Vollzug? Wer jetzt spontan „Halbzug“ geantwortet hat, dem sei ein soeben erschienenes Buch empfohlen: Das „Album Berliner Verkehr 1989/1990“ des Fotografen Bodo Schulz und des TagesspiegelVerkehrsexperten Klaus Kurpjuweit. In ihm wird auf rund 130 großformatigen Bildern gezeigt, was in den beiden wohl spannendsten Nachkriegsjahren von Haltestelle zu Haltestelle fuhr: die von West-Berlin übernommenen Rumpel-S-Bahnen, die orange-beigen Straßenbahnzüge der Ost-Berliner BVB und die von DDR-Dieselloks gezogenen Waggons der französischen Streitkräfte.

Da steckt großes Nostalgie-Potenzial drin – ganz gleich, in welchem Teil Berlins man damals zu Hause war. Während der eine vielleicht der M-Bahn hoch über dem versteppten Potsdamer Platz nachseufzt, fühlt ein anderer angesichts des Ikarus-Busses noch einmal mit dem Fahrer, der nach jedem Start mit starkem Arm im Sechsgang-Schaltgetriebe herumrühren musste und im Winter genauso fror wie die Fahrgäste auf den braunen Kunstledersitzen. Oder gedenkt der Straßenbahn der Linie 86 quer durch Köpenick, die zwar ihre Türen schon nicht mehr mit dem Motorsägen-Sound der älteren Gotha-Modelle schloss, aber dafür bei schneller Fahrt zu hoppeln begann, als hätte sie Räder in Ei-Form.

Aber die Busse und Bahnen sind nie formatfüllend fotografiert, sondern ergänzen – oder versperren, je nach Sichtweise – den Blick aufs große Ganze. Das bestand in jenen Jahren vor allem aus der noch vorhandenen, aber sich plötzlich auftuenden Mauer samt ihren Folgen, die bis in die – geisterhaft verlassenen – S- und U-Bahnhöfe reichten. Ansonsten gibt es unter meist blauem Himmel viel Stadtgeschichte zu sehen, die auch in einem ausführlichen Vorwort erzählt wird. Im Anhang bekommen schließlich die Fans von Bus und Bahn die Informationen zu dem, was durch die Bilder rollt. Nur leider ist es mit dem Buch wie mit den Tickets für die Fahrten mit Bahnen und Bussen: Man zahlt ziemlich viel Geld dafür. obs

VBN Verlag B. Neddermeier, 176 Seiten, deutsch/englisch, 39,80 Euro

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben