Berlin : Zug um Zug zur qualmfreien Zone

Ab 1. Januar 2008 soll das neue Nichtraucherschutzgesetz gelten. Wie sich die Kneipen, Vereine und Gerichte vorbereiten

Annette Kögel

Die Zigarette aus Geselligkeit, zur Pause, aus Langeweile – sie wird in Berlin bald seltener angesteckt werden. Ab 1. Januar soll das neue Nichtraucherschutzgesetz gelten, Mitte November will der Senat es beschließen. Nur ein Drittel aller Berliner raucht, zwei Drittel wollen qualmfrei leben – beide Seiten sollen nun per Gesetz letztlich zum eigenen Wohl vor den Folgen des Nikotinkonsums geschützt werden. Denn jedes Jahr sterben in Deutschland 140 000 Menschen an den Folgen von Tabakkonsum. Rund 3000 Deutsche kommen zu Tode, weil sie als Passivraucher den Qualm anderer inhalierten. In anderen europäischen Ländern wird längst nicht mehr in Kneipen, Diskos und Restaurants geraucht, und auch in anderen deutschen Bundesländern bleibt die Zigarette in öffentlichen Räumen aus. Wie sieht es denn in Berlin nach Silvester aus?

Die Kneipe an der Ecke.

Walter Wolf nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. Der Inhaber der Eckkneipe „Zum Elefanten“ am Heinrichplatz in Kreuzberg raucht auch vor Wut. „Wenn das wirklich so kommt, können wir zumachen.“ Achtzig Prozent seiner Stammgäste und der Touristen sind Raucher. „Ich habe eine gute Lüftungsanlage, und ich werde hier auch nicht Polizei spielen und das Rauchen verbieten“, sagt der Kneipier. Umbauen könne er nicht. „Sie sehen ja selbst, ich habe einen Gastraum mit Billardtisch, dann die Toiletten, den Notausgang, da kann ich nichts machen.“ So wie Wolf geht es vielen der rund 6000 betroffenen Gastronomen. Ein halbes Jahr Schonfrist wird es für Wirte wie Wolf geben, danach können die Kontrolleure der Ordnungsämter Gastronomen wegen einer Ordnungswidrigkeit mit einer Strafe in Höhe von bis zu 1000 Euro belangen. Raucher müssen bei Verstößen bis zu 100 Euro zahlen, sagt die zuständige Expertin der Senatsgesundheitsverwaltung, Beate Martonné-Kunarski.

Essen und Rauchen im Restaurant.

Viele Gastronomiebetriebe haben schon Nichtraucherzonen, wie die Ständige Vertretung in Mitte. Aber auch Kaffeehäuser wie die „Starbucks“-Kette bitten Gäste bereits zum Qualmen vor die Tür. Ab 1. Januar 2008 sollen alle Gaststätten prinzipiell rauchfrei sein. Doch jeder Gastronom, der das wünscht, kann ein Raucherzimmer einrichten. Das muss aber ein abgetrennter Raum sein, mit verschließbarer Tür – Stellwände oder Schwenktüren reichen nicht. Im „Morena“ in der Wiener Straße in Kreuzberg bauen sie deshalb einen zusätzlichen Raum ein, wie ein Schild an der Tür schon jetzt verkündet. Auch in der „Bar 11“ gegenüber hat sich Chef Robby Schlesiger schon Gedanken gemacht. „Ich fange aber erst mit dem Umbau an, wenn ich schriftlich was von Gaststättenverband oder IHK höre.“ Dann aber wird der kleine Gastraum hinten durch eine Glas- und eine Holztür zur „Raucherlounge“. Derzeit passen ein Dutzend Gäste in den Hinterraum. „Ich werde die Plätze auf knapp 30 aufstocken“, sagt Schlesiger. „Eine Lüftungsanlage habe ich schon“, sagt er und zeigt an die Decke. Gut für ihn, gut für die Gäste – Vorschrift werde das aber nicht, dieser Passus sei aus dem Gesetz herausgestrichen worden, weil man die Kosten nicht jedem Mittelständler zumuten könne, heißt es bei der Gesundheitsverwaltung. Bar- Gast Michael Domes findet die neue Regel gut. „Ich rauche selbst, aber gehe gern qualmfrei essen.“ Auch Robby Schlesiger ist wie viele Mitarbeiter Raucher, er sieht harten Zeiten entgegen – „wir selbst werden keine Zeit haben, um hinten eine rauchen zu gehen“. Künftig darf auch kein Angestellter zwangsverpflichtet werden, in einem Raucherraum zu bedienen. Theoretisch könnten sie ihren Chef sogar anzeigen, sagt Expertin Martonné-Kunarski. Doch das wird angesichts der Arbeitsmarktlage wohl niemand tun.

Shisha-Bars, Vereinsräume, Kellerclubs

. Da werden die Köpfe qualmen, um Sonderregelungen zu finden. Da sich etwa in türkischen Caféhäusern nur Bekannte treffen würden, sei das kein öffentlicher Raum, sondern Privatsphäre, sagt Martonné-Kunarski. Sprich: Rauchen erlaubt. Wie sieht es bei Sportstätten aus? Rauchverbot – von wegen! Das Gesetz gestattet bei „Vereinsgaststätten in Sporteinrichtungen“ Rauchräume. Die Freunde der Zigarrenkultur, der Eckkneipe, theoretisch könnten sie also einen Verein gründen, schon ist alles privat. Was Diskotheken angeht, ist der Gesetzesentwurf bislang streng. Viele Menschen auf engem Raum, körperliche Bewegung, da wird schnell viel Feinstaub und Gift aus dem Glimmstengel inhaliert. Deshalb sollen keinerlei Raucherräume erlaubt sein. Wer qualmen will, soll vor die Tür. Auch in Shisha-Cafés soll Rauchverbot herrschen – obwohl hier wohl keiner sagen kann, er sei nur wegen des Bieres hier, der Rauch aber störe ihn. Salah Zeghouane der Inhaber von „Shisha Baraka“ am Görlitzer Bahnhof, zieht schon die Konsequenzen. „Ich mache die Shisha-Bar zu und ein Fischrestaurant auf.“

Öffentliche Gebäude

. Viele sind ja schon so gut wie qualmfrei: Kitas, Schulen, Bahnhöfe, Flughäfen. Auch eine Nebenwirkung des Gesetzes: Bei der Bildungsverwaltung belegen überraschend viele Mitarbeiter Raucherentwöhnkurse. Gerichte, so Justizsprecher Robert Bäumel, werden nun teils umgebaut, um Raucherräume zu schaffen. Tatverdächtige oder Häftlinge kann man ja nicht einfach mal zum Rauchen vor die Tür schicken.

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