Zugausfälle : Totentanz im Geisterbahnhof

Von diesem Montag an halten keine Züge mehr an einigen S-Bahn-Stationen. Die Ladenbetreiber bangen um ihre Existenz.

Daniela Martens

BerlinHerr Le trägt ein weißes Papierschiffchen auf dem Kopf und guckt vorsichtig aus seiner Küchentür. „Das ist ganz schlecht für uns, ganz schlecht“, sagt er mit vietnamesischem Akzent und sieht aus, als würde er am liebsten gleich wieder in der Küche verschwinden. Aber das wäre ja unhöflich. Die Küche von Herrn Le liegt unter den Gleisen des S-Bahnhofs Bellevue. Da kocht er Reisbandnudelsuppe, Frühlingsrollen und Krabbenchips und verkauft das alles – hauptsächlich an S-Bahnreisende. Noch.

Am Freitagmorgen hat Herr Le einen Brief von seinem Vermieter, der Bahn, bekommen. Darin steht, was am selben Tag in allen Zeitungen zu lesen war: Ab Montag wird die S-Bahn zwischen Zoo und Ostbahnhof nicht mehr fahren. Stattdessen werden Regionalzüge eingesetzt. Doch die halten nicht in Bellevue, Tiergarten, am Hackeschen Markt und an der Jannowitzbrücke. Und dort gibt es überall kleine Läden wie den von Herrn Le, die dann kaum noch Kunden haben werden. „Es war uns als Vermieter sehr wichtig, die Mieter persönlich per Brief zu informieren, damit sie es nicht aus der Zeitung erfahren“, sagt ein Sprecher der Bahn. Ob Herr Le und die anderen allerdings die Miete mindern könnten – das müsse in jedem Fall „individuell geklärt werden“. Schließlich seien auch die Verträge alle „individuell“. Im Unterschied zum BVG-Streik, als die Ladenbetreiber in den U-Bahnhöfen ihre Geschäfte nicht mehr öffnen konnten, seien die Imbisse und Läden in den S-Bahnhöfen immerhin weiterhin zugänglich. „Natürlich“ könne man „davon ausgehen, dass bei dem einen oder anderen“ finanzielle Einbußen geben werde. Aber es gebe doch nun mal ein „unternehmerisches Risiko, das sich durch die besondere Lage ergibt“.

Herr Le hat sein Unternehmen „in besonderer Lage“ erst vor drei Monaten eröffnet. Es laufe sowieso „noch nicht ganz gut“. Und jetzt dies. Über Mietminderung und Schadensersatz habe er aber noch gar nicht nachgedacht, sagt er und guckt dabei ziemlich erschrocken. Man kann sich auch nicht vorstellen, dass dieser scheue Mann, der auch nach 20 Jahren in Deutschland eher gebrochen deutsch spricht, so etwas durchsetzen könnte. Herr Le will seinen Imbiss am Montag erst mal versuchsweise öffnen: „Mal sehen, wahrscheinlich kommt keiner, dann mache ich nach ein paar Stunden wieder zu.“

Die beiden Dönerverkäufer im grünen Polohemd im Bahnhof Jannowitzbrücke haben am Freitagmittag im Gegensatz zu Herrn Le fast zu viel zu tun, um sich zu unterhalten. Lächelnd bedienen sie die Kunden. Die meisten kämen mit der S-Bahn, sagt der Jüngere, der sich mit Bayram vorstellt. „Wir haben einen ganz schönen Schrecken bekommen, als wir den Brief gelesen haben, weil wir auf jeden Fall Einbußen haben werden.“ Wenn die Sperrung länger als drei Wochen dauere, wollten sie die Miete mindern.

Das klingt bestimmt. Ganz anders als der Verkäufer im Blumengeschäft schräg gegenüber. Der Asiate im Karohemd mit Goldkettchen verkauft gerade vier rosa Topfpflanzen und mag gar nicht über die Sache reden. Dann sagt er aber doch, dass er nicht weiterweiß. Soll er am Montag neue Blumen kaufen? Soll er zur Arbeit gehen? Er ist zwar nur angestellt, aber sein Chef ist im Ausland und nicht erreichbar. Er zuckt mit den Achseln – na ja, es gebe sowieso zu wenig Kunden.

Sahin Coskun kann sich nicht über zu wenig Arbeit beschweren: Im kleinen Zeitungsladen im S-Bahnhof Hackescher Markt stehen die Leute fast immer Schlange – allerdings nur, wenn die S-Bahn fährt. „Wir haben fast keine Stammkunden“, sagt Coskun, der auch nur angestellt ist. Gerade verkauft er auf Englisch ein Bahnticket für einen Hund. „Wenn keine S-Bahn mehr fährt, geht der Umsatz ja richtig runter.“ Die Leute werden keine Fahrkarten kaufen, keine Zeitungen als Lektüre für die Fahrt. Und wenn Touristen zu Fuß vom Alexanderplatz herüberwandern, finden sie die Postkarten vor dem Laden in der Unterführung bestimmt nicht. „Das wird ja richtig ruhig am Montag“, sagt Coskun.

Im Bahnhof Bellevue binden gerade vier Leute bunte Sträuße vorm Blumenladen. So viele würden am Montag bestimmt nicht gebraucht, sagt eine Verkäuferin. Ähnlich sieht es auch in den Filialen des Franchise-Unternehmens Wiener Feinbäckerei aus – sowohl an der Jannowitzbrücke als auch am Tiergarten gibt es eine. „Die überzähligen Leute müssen eben in einer anderen Filiale arbeiten“, sagt der Geschäftsführer der Bäckerei an der Jannowitzbrücke. Das sei alles nicht so dramatisch. Alles andere müsse er noch mit der Zentrale klären. Dort war bis Redaktionsschluss jedoch niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. „Viele von uns sind zum Glück Azubis“, sagt eine junge Frau mit Pferdeschwanz, die am Freitag hinter der Ladentheke der Filiale an der Jannowitzbrücke steht. „Uns kann man wenigstens nicht so leicht kündigen.“ 

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