Berlin : Zugemauerte Fenster, offene Zukunft

Rund um den Bunker in der Kreuzberger Fichtestraße, der zum „Zentrum gegen Vertreibungen“ werden soll, sind die Reaktionen geteilt. Auch Walter Momper ist dagegen

Tanja Buntrock

Die Fütterungsmodalitäten sind auf dem Pappschild am Zaun vor dem ehemaligen Luftschutzbunker in der Kreuzberger Fichtestraße genau erklärt: „Bitte kein Brot an die Ziegen verfüttern. Für die Hühner das Brot in einer Tüte an den Zaun hängen.“ Vor allem bei Müttern mit kleinen Kindern sei der kleine Streichelzoo vor dem leer stehenden Rundbau mit den zugemauerten Fenstern beliebt, sagen Anwohner der Fichtestraße. Doch wer weiß, wie lange sich die Tiere noch von kleinen Kindern durch den Maschendrahtzaun streicheln lassen dürfen: Wie berichtet, hat die Gründerin der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“, Erika Steinbach, Interesse an der landeseigenen Immobilie bekundet. Steinbach, die Bundesvorsitzende der Vertriebenen, möchte im Bunker ein Gedenk- und Dokumentationszentrum mit Archiv und wechselnden Ausstellungen eröffnen. Doch das Projekt und die Standortwahl Berlin stößt bei Historikern und Politikern auf Kritik. Solange die Bundesregierung und der Senat sich dazu nicht positioniert hätten, werde der Steuerungsausschuss des landeseigenen Liegenschaftsfonds einen Verkauf der Immobilie nicht erörtern, betonte dessen Geschäftsführer.

Walter Momper (SPD), Präsident des Abgeordnetenhauses und Anwohner in der Fichtestraße, hält es für abwegig, im Bunker eine Vertriebenen-Gedenkstätte zu errichten. „Abgesehen davon, dass man als Anwohner gern eine ruhige Lage hat, halte ich Berlin für keinen guten Standort für ein derartiges Projekt“, sagte er dem Tagesspiegel. Er kritisiert grundsätzlich an dem Konzept die „Einengung auf die Deutschen als Vertriebene, obwohl andere Völker auch vertrieben worden sind“. Zudem seien die Kosten, den alten Bunker wieder herzurichten, immens.

„Klar, wenn der Bunker verkauft wird, müssen wir mit unseren Tieren weg“, sagt Ina Gottmann, 44. Sie wohnt direkt gegenüber, in der Fichtestraße 29. Mit ihrem Mann Kurt hat sie vor über zwei Jahren circa 800 Quadratmeter Fläche rund um den Rundbau gemietet, um dort ihre neun Hühner und drei Ziegen weiden zu lassen. „Nur so zum Spaß, damit die Kinder etwas zum Streicheln haben“, sagt sie. Gegen eine Vertriebenen-Gedenkstätte hat Ina Gottmann nichts einzuwenden. „Meine Mutter ist selbst aus Breslau vertrieben worden. Ich finde es wichtig, daran zu erinnern“, sagt sie. Für die Tiere werde sie schon einen geeigneten Platz im Umland finden.

Das Ehepaar, das auf seinem Balkon zwei Häuser weiter sitzt, ist nicht sonderlich begeistert. „Wird das dann hier so ’ne Pilgerstätte, wo wir ständig die Reisebusse vor der Nase haben?“ Die Bedeutung der Vertriebenen ist in ihren Augen nicht so groß, als dass man ihnen das historische Gebäude überlassen sollte, das als Gasometer, als Luftschutzbunker, aber auch als Lebensmittellager des Senats diente. Es reiche, wenn die Leute hier herkommen, um am „Tag des offenen Denkmals“ den Bau zu besichtigen. Wie demnächst wieder, am 14. September.

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