Berlin : Zugeschaut und mitgeraubt

Wieder zwei Überfälle auf Kneipen: Die Polizei nimmt jetzt an, dass zwei Banden nach demselben Muster vorgehen

Werner Schmidt

Hinter der Raubserie auf Kneipen und Gaststätten steckt möglicherweise mehr als eine Bande: „Wir sind inzwischen fast der Überzeugung, dass es sich mindestens um zwei Banden handelt“, sagte gestern ein Fahnder. Auch in der Nacht zu Donnerstag schlugen die Täter wieder zu. Am Eichhorster Weg in Reinickendorf beraubten drei maskierte und bewaffnete Täter Wirt und Gäste der „Hopfeninsel“. Bevor die Täter flohen, schlug einer von ihnen vermutlich den Griff seiner Pistole einem 45-jährigen Kneipengast auf den Kopf. Der Mann stürzte vom Barhocker und verletzte sich im Gesicht.

Nur zwei Stunden später stürmten ebenfalls drei maskierte und bewaffnete Männer in die „Bierquelle“ an der Werderstraße in Tempelhof. Sie beraubten die Bedienung sowie die einzigen beiden Gäste im Lokal. Hier schlugen die Täter nicht zu, sprühten aber einer 47-jährigen Frau Reizgas ins Gesicht. Sie musste ihre Augenverletzungen in einem Krankenhaus behandeln lassen.

Nach den Beschreibungen der Zeugen hatten die Täter in diesem Fall olivgrüne Bomberjacken an, die auf der linken Brustseite den Schriftzug „Alpha-Industries“ trugen. Seit Anfang Oktober wurden jetzt 21 Überfälle verübt, bei denen die Täter rücksichtslos und brutal vorgingen. Aber in keinem der vorausgegangenen Fälle hatten die Zeugen davon gesprochen, dass die Täter mit Bomberjacken bekleidet waren. Deshalb wird nicht ausgeschlossen, dass inzwischen auch Trittbrettfahrer Kneipenüberfälle nach dem bewährten Muster begehen.

Die Polizei sagte gestern, sie habe einige Anhaltspunkte für ihre Ermittlungen, wollte sich aber zu Details nicht äußern. Wirte und Gäste zu schützen, sei schwierig. Es sei nicht möglich, in alle gefährdeten Kneipen Polizisten in Zivil zu setzen und zu warten, bis die Täter wieder zuschlagen. Dies sei möglich in Fällen, in denen die Tatorte in einem relativ eng begrenzten Bereich lägen. Hier aber ist der gesamte Westteil Berlins betroffen. Die Taten erfolgten in zwei Stunden Abstand, die Tatorte liegen bis zu 20 Kilometer auseinander. Potenziell gefährdet sind rund 1000 Lokale.

Zwar sieht der Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes, Karl Weißenborn, im Einsatz ziviler Polizisten eine Chance, die Täter zu fassen. In den Gaststätten selbst aber hält man nicht viel von diesem polizeilichen Konzept: „Die Gäste würden sich unter Polizeischutz sicherlich nicht wohlfühlen und glaubten, ständig unter Beobachtung zu stehen“, hieß es im „Bierbaum III“ in Neukölln. Und auch in dem Lokal „Zur Quelle“ in Siemensstadt zweifelte man am Nutzen: „Ich weiß nicht, ob es hilft, wenn Polizisten im Lokal sitzen“, sagte eine Mitarbeiterin. In der Vergangenheit hatte dieses Konzept laut Weißenborn allerdings schon Erfolg. 1997 sei so eine Bande nach 15 Lokalüberfällen gestellt worden.

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