Zugunglück : Knapp an der Katastrophe vorbei

Bei dem Unfall von Karow fuhr ein Personenzug in einen Tankwaggon, der mit hoch entzündlichem Flüssiggas gefüllt war. Warum die Feuerkatastrophe ausblieb.

Stefan Jacobs
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Stahlhart. Der mit Propen gefüllte letzte Wagen des Güterzuges hat nur ein paar Kratzer abbekommen.Foto: ddp

Der Unterschied ist offensichtlich: Während die Lok des Regionalzuges völlig zerstört wurde, ist der Tank des getroffenen Kesselwagens nahezu unversehrt. Das ist kein Zufall, sondern Resultat aufwändiger Vorkehrungen, mit denen die explosive Ladung solcher Züge gesichert wird. Der am Unfall beteiligte kam aus Schwedt und bestand nach Auskunft der dortigen Raffinerie PCK aus 24 Wagen voller Flüssiggas. Nach Auskunft einer PCK-Sprecherin waren davon einer mit Butan, neun mit Propan und 14 mit jeweils 47 Tonnen Propen befüllt - darunter auch der letzte.

Propen, auch Propylen genannt, ist ein wichtiger Grundstoff für die chemische Industrie. Aus ihm werden ebenso Autoteile wie Joghurtbecher hergestellt. Der eigentlich gasförmige Stoff wird durch den hohen Druck von 30 Bar (zum Vergleich: ein Autoreifen hat etwa 2,5 Bar) im Waggon flüssig. Wäre der Waggon leckgeschlagen, hätte sich der Stoff durch einen Funken entzünden können. Dies hätte katastrophale Folgen gehabt.
 
Zum Vergleich: Im Juli 1978 verunglückte in Spanien ein mit Propen beladener Lastwagen auf einer Nationalstraße neben einem Campingplatz. Mehr als 200 Menschen starben in dem Flammenmeer, über 300 wurden verletzt. Unter den Opfern waren auch einige deutsche Urlauber. Als mögliche Ursache wurde später eine Überfüllung des Lkw-Tanks ermittelt, der dem Druck nicht mehr standhielt und explodierte. Nach der Katastrophe wurden die Sicherheitsvorschriften für Gefahrguttransporte deutlich verschärft. Entsprechende Warnungen vor dem Risiko auf der Nationalstraße hatte es allerdings schon vorher gegeben.

Zugunglück in Berlin-Karow
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1 von 6Foto: dpa
29.07.2009 08:2916.04.2009: Bei einem Zugunglück in Berlin werden 24 Menschen verletzt, fünf von ihnen schwer. -


Beim Unglück von Karow sei eine Brandkatastrophe jedoch "sehr unwahrscheinlich" gewesen, heißt es bei der Berliner Feuerwehr. Die Tankwaggons seien einfach ganz besonders robust. Anton Erhard, der bei der Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) die Abteilung "Gefahrgutumschließung" leitet, erklärt, dass ein Großteil der Aufprallenergie bereits über die Puffer von Lok und Wagen abgebaut werde, indem sie sich verbiegen. Der Tank dagegen muss stahlhart und hitzebeständig sein; die BAM prüft die Konstruktion in Fall- und Feuertests. Gerhard Runkel, Technikchef des Kesselwagenvermieters VTG, sagt: "Ein Rohr mit einem gewölbten Boden ist per se ein sehr stabiles Gebilde." Meist seien die Kessel aus etwa 1,4 Zentimeter dickem Stahl, und die versenkten Ventile würden selbst dann nicht abreißen, wenn der Kessel vom Fahrgestell gerissen würde.

Der Waggonverleiher GATX, der den Zug an die Bahntochter DB Schenker vermietet hatte, wollte sich zu dem Unfall nicht äußern. Bei PCK in Schwedt hieß es, dass man jede Nacht 17 Züge auf die Reise schicke. Nicht alle rollen nach Berlin, aber die meisten sind mit Benzin, Diesel, Heizöl oder Kerosin für die gesamte Region beladen. In der Raffinerie gälten für jeden Handgriff präzise Sicherheitsvorschriften; Gassensoren und Kameras überwachten das Raffineriegelände. Der Unglückszug sei planmäßig auf dem Weg nach Seddin bei Potsdam gewesen. 

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