Berlin : Zukunft aus der Brause

Der Designer Jochen Schmiddem hat zum neuen Spielberg-Film „Minority Report“ für Tom Cruise die Duschkabine „Cocoon“ geliefert. Allerdings gab es später ein Problem.

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Von Andreas Conrad

„Immer dieser Kalk im Berliner Wasser…“ Jochen Schmiddem seufzt, halb entschuldigend, halb resigniert, wischt ein wenig an den Armaturen seiner Duschkabine herum. „Cocoon“, die hellgelb-transparente Hülle häuslicher Wasserspiele, „mein Baby“, wie der Designer seine der Zukunft entlehnte Nasszelle fast zärtlich nennt, hat lästige Wasserflecken bekommen. Möglich, dass man bis zum Jahr 2054 auch dies in den Griff bekommt, jeder Tropfen dann spurlos abperlt und auch Seifenschaumreste sich in Luft auflösen. Bis dahin heißt es putzen.

Wenn heute ab 19 Uhr vor dem Kosmos zur Premiere von „Minority Report“ der Beifall aufbraust und auf Steven Spielberg und Tom Cruise herabregnet, darf auch der seit fünf Jahren in Berlin arbeitende Designer einige Spritzer des Ruhms für sich und sein „Baby“ auffangen. Sollte nicht Tom Cruise in der Zukunftswelt von „Minority Report“ sich am Schmiddem-Waschtisch „Lugano“ und vor allem in „Cocoon“ der Körperpflege hingeben? Und steht nicht der des Designers noch immer unter den Danksagungen der Credits, auch wenn im fertigen Film beide Sanitärmöbel dem Schnitt zum Opfer fielen? Das hat er erst bei der Pressevorführung erfahren und trägt es mit Fassung. Viel wichtiger sei doch, ein Freund hat ihm das schon gesagt, dass Spielberg die für Hansgrohe entwickelte, mehrfach preisgekrönte Komplettduschkabine „Cocoon“ für ein Produkt hielt, dass noch in gut 50 Jahren funktioniert, ein künftiger Klassiker. Und auch dass der Regisseur den Kunststoffkokon wohl selbst ausgesucht hat, ist ihm von seinem Freund, einem Schauspieler und früher selbst in einem Spielberg-Film dabei, versichert worden. Nichts überlasse er auf dem Set dem Zufall, schon gar nicht eine raumprägende Duschkabine.

Erst hatte sich Schmiddem freilich gedacht, jemand wolle sich einen Scherz erlauben, als er eine Mail aus Los Angeles erhielt. In der fragte eine Setdesignerin für ein neues Tom-Cruise-Projekt wegen des Waschtischs nach. Die Antwort sparte er sich, auch als eine schon drängendere Mail folgte. Beiläufig hat er das immerhin dem Schauspieler erzählt, der von den Projekt wusste und dringend zur Antwort riet. In L. A. war man mittlerweile übers Internet – www.schmiddemdesign.de – auf „Cocoon“ aufmerksam geworden, und während andere Firmen fürs Product Placement gewöhnlich sehr tief in die Tasche greifen müssen, kaufte Spielbergs Firma umgekehrt einmal „Lugano“ und zweimal „Cocoon“ an.

Die für die Premiere in Hollywood erbetenen Karten hat Schmiddem dann doch nicht bekommen. Aber heute im „Kosmos“ ist er dabei, leider ohne „Baby“, dafür an der Seite von Ken Adam. Der legendäre Setdesigner entwarf schon für James Bond visionäre Räume und Accessoires und steht nun mit Schmiddem und anderen einer Jury vor, die anlässlich des Filmstarts studentische Visionen für Berlin im Jahr 2054 begutachten soll.

Das in „Minority Report“ gezeigte Washington findet Schmiddem „katastrophal“: ein futuristischer Albtraum, aber nicht so, dass der Zuschauer es als Science Fiction abhaken kann, sondern immer wieder an die Gegenwart angebunden, und sei es durch eine traditionelle Lampe mit Stoffschirm in Tom Cruises Hightech-Apartement. Gut hätte da auch „Cocoon“ reingepasst, dieser Schutzhelm der Seele mit Innenbeleuchtung, geeignet für Warm- wie für Kaltduscher. Am Schneidetisch wurde anders entschieden.

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