Berlin : Zukunft für die Biomasse

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Von Heiko Schwarzburger

Stolzer Wald im Shredder: Jährlich fallen in der Bundesrepublik rund zehn Millionen Tonnen nicht mehr verwertbares Rest- und Altholz an. Seit das „Gesetz über Erneuerbare Energien" (EEG) auch die Verbrennung von Althölzern zur Energiegewinnung fördert, entstehen immer mehr so genannte Biomasse-Kraftwerke. Die Emissionen ihrer Brennkessel müssen – wie neue Anlagen generell – den strengen Auflagen der 17. Verordnung zum Bundes-Immissionsschutzgesetz genügen. Für jede Kilowattstunde Strom aus Biomasse, den die Betreiber in die Stromnetze einspeisen, erhalten sie eine garantierte Vergütung von 9 Cents. So lohnen sich die Investitionen. In Berlin und im Umland recken bald die ersten Biomasse-Kraftwerke ihre Rohre in den Himmel.

Am weitesten gediehen ist das Projekt der Mannheimer MVV Energie AG, die im Nordhafen von Königs Wusterhausen südlich von Berlin ein Biomasse-Kraftwerk errichtet. Für den Betrieb zeichnet die Tochtergesellschaft MVV BioPower GmbH verantwortlich. Die Pfähle sind schon in den torfreichen Grund gerammt, derzeit werden die Fundamente gegossen. Das Kraftwerk soll von August 2003 an grünen Strom mit insgesamt 20 Megawatt elektrischer Leistung liefern, ausreichend für rund 55 000 Haushalte. Dafür werden im Jahr ungefähr 120 000 Tonnen Altholz benötigt.

Das Holz beschafft sich die MVV gemeinsam mit dem Berliner Entsorger Alba, der schon eine eigene Aufbereitungsanlage für Altholz betreibt. Die dort anfallenden Holzhackschnitzel gehen in die Spanplattenindustrie oder werden zur Energieerzeugung verbrannt. Zum neuen Biomasse-Kraftwerk in Königs Wusterhausen wird das Altholz per Schiff über die Berliner Gewässer von einem Sammelplatz im Stadtgebiet gebracht.

Rohbau schon im Dezember

Das Investitionsvolumen für das Kraftwerk in Königs Wusterhausen gibt Robert Greb, Geschäftsführer der MVV BioPower GmbH, mit mehr als 50 Millionen Euro an. Anfang Juni ist die Grundsteinlegung geplant, der Rohbau soll schon im Dezember stehen. Von April 2003 an wird die MVV ihre Holzlager füllen, um im Mai die Kessel erstmals anzufahren.

Die Anlage nutzt moderne Brennverfahren mit zirkulierenden Wirbelschichten. Das Kraftwerk erreicht einen Wirkungsgrad von rund 35 Prozent. Das heißt, mehr als ein Drittel des Heizwertes des Altholzes wird in Strom umgesetzt. Eine vergleichbare Anlage läuft bereits seit zwei Jahren in Beeskow. Dort nutzt ein Hersteller von Spanplatten seine Holzabfälle, um kostengünstig Strom und Prozessdampf zu produzieren.

Auch Berlins markante Wohnsiedlung, die Gropiusstadt, soll von 2003 mit Wärme aus Biomasse versorgt werden. Bei der europaweiten Ausschreibung eines Vermieterkonsortiums erhielt die Dortmunder Harpen AG den Zuschlag, die zu RWE gehört. Ausschlaggebend für den Zuschlag an die Harpen AG war das deutlich günstigere Preisangebot, das immerhin 13 konkurrierende Angebote aus dem Rennen schlug. Der zurzeit gültige Wärmepreis könnte bei Zugrundelegung heutiger Energiepreise durch das neue Wärmekonzept um voraussichtlich 30 Prozent gesenkt werden.

Die Harpen EKT GmbH, die im Auftrag der Harpen AG die Gropiusstadt versorgen soll, will die CO2-Emissionen gegenüber der Fernwärme aus einem Kohlekraftwerk um rund 50 Prozent senken.

Um die mehr als 20 000 Wohnungen zu beheizen, sollen zwei Verbrennungslinien von je rund 45 Megawatt thermischer und zehn Megawatt elektrischer Leistung und eine Gaskesselanlage mit einer installierten thermischen Leistung von rund 130 Megawatt entstehen. Dafür wurde bereits das rund 35 000 Quadratmeter große Gelände der ehemaligen Eternit-Werke an der Neuköllner Kanalstraße gekauft.

Jetzt muss Harpen EKT beim Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheit und technische Sicherheit eine Genehmigung für den Bau beantragen. Diese Behörde prüft die Verbrennungstechnik, die Umweltgefahren, die zu erwartenden Schadstoffe und Verkehrsprobleme. Anders als in Königs Wusterhausen muss das Altholz nach Neukölln per Lastwagen gefahren werden. Da mit rund 200 000 Tonnen pro Jahr zu rechnen ist, befürchten die Anwohner ein Verkehrschaos. Die Bauunterlagen liegen noch bis zum 24. Mai zur Einsicht in der Behörde aus.

Die in dem Biomasse-Heizkraftwerk produzierte Wärme soll die Grundlast für die Versorgung der Wohnungen liefern, der Gaskessel fängt die Spitzenlast in den kalten Wintermonaten ab. Insgesamt werden künftig jährlich rund 300 Gigawattstunden Wärme an die Gropiusstadt geliefert. Von 2004 an will das Unternehmen zudem etwa 150 Gigawattstunden grünen Strom pro Jahr in das öffentliche Netz einspeisen.

Feste Einnahmen für Bio-Energie

Die geplante Investitionssumme liegt nach Auskunft eines Unternehmenssprechers bei rund 60 Millionen Euro. Den Preisvorteil beispielsweise gegenüber Strom aus dem benachbarten Bewag-Kohlekraftwerk in Rudow erreicht Harpen EKT vor allem deshalb, weil Strom und Wärme zusammen aus Biomasse erzeugt werden, wofür es feste Einnahmen gibt.

„Die beiden Biomasse-Blöcke verbrennen zu 70 Prozent Altholz und zu 30 Prozent Frischholz. Der anfallende Dampf wird dann in Wärme und Strom umgesetzt", erläutert Hartmut Liebisch, technischer Geschäftsführer bei Harpen EKT. „Durch den garantierten Preis von 9 Cents für jede Kilowattstunde Strom aus Biomasse können wir unsere Investition absichern. Außerdem sind wir vom Preiskrieg bei Öl und Gas weitgehend unabhängig." Genaue Zielpreise für die Wärmeversorgung der Gropiusstadt wollten weder Harpen EKT noch die GbR Fernheizung Gropiusstadt nennen.

Für den Erdgaskessel, der bis Mai 2003 entstehen soll, braucht Harpen EKT eine vorzeitige Genehmigung, damit dieser Teil der Anlage noch in diesem Jahr fertig wird. Der Erdgaskessel soll die Wärmeversorgung der Gropiusstadt sicherstellen. In den Folgemonaten kommen die Biomasse-Blöcke hinzu.

Das Altholz stammt aus dem Baugewerbe und aus den Abfällen von Betrieben der Holzverarbeitung. Frischholz fällt in den Berliner und Brandenburger Wäldern oder bei der Garten- und Landschaftspflege an. Bisher wurden Althölzer überwiegend deponiert, teilweise auch exportiert. Das Deponieren ist von Mitte 2005 an in Folge einer Novelle der Technischen Anleitung (TA) Siedlungsabfall nicht mehr zulässig.

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