Zukunft von Tempelhof : "Das Rotlichtviertel ist Schwachsinn"

Moulin-Rouge und Go-go-Girls? Oder doch lieber ein Neubaugebiet? Wie Senatsbaudirektorin Regula Lüscher im ehemaligen Flughafen Tempelhof über die Zukunft des Areals diskutierte.

Matthias Oloew
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Gestapelt wohnen. Zu den Ideen gehören ungewöhnliche Gebäude. Simulation: SenStadt

Sie hat sich auf alles eingestellt. „Ich habe zwar einen Schirm dabei“, sagt Senatsbaudirektorin Regula Lüscher auf dem Podium am Donnerstagabend, „und bin froh, dass ich noch nicht mit Eiern oder Tomaten beworfen wurde.“ Nur wenige lachen, die Stimmung in der Haupthalle des ehemaligen Flughafens Tempelhof ist gespannt. Mehrere hundert Zuhörer sind gekommen, um mit dem Senat die ersten Ergebnisse für den städtebaulichen Ideenwettbewerb zu diskutieren.

Regula Lüscher hat starken Gegenwind erwartet und gleich zu Beginn klargestellt, niemand habe die Absicht, in Tempelhof ein Rotlichtquartier zu errichten. „Diese Idee ist Schwachsinn“. Dass die Planer mit ihrem Vorschlag, den Columbiadamm zu einem Vergnügungsviertel inklusive China-Town, Klein-Venedig und Sex-Meile zu entwickeln, trotzdem in die zweite Runde des Wettbewerbs gekommen sind, erklärte die Senatsbaudirektorin so: „Planen heißt, laut denken.“ Wenn am Ende des Prozesses klar sei, was man nicht wolle, sei das doch auch ein gutes Ergebnis.

Ein Rotlichtviertel will an diesem Abend keiner. Erstaunlicherweise spricht sich aber auch niemand mehr für den Flughafen aus. Stattdessen fordern die Nachbarn, Planer, Vertreter von Bürgerinitiativen und Politiker im Plenum, sich bei der Entwicklung Zeit zu lassen. Auch das Wort „Moratorium“ fällt öfter – also alle Planungen ruhen und die Bevölkerung, quasi durch Ausprobieren, entscheiden zu lassen, wie sie die neu gewonnene Freifläche nutzen möchte.

Bei den vorgestellten Plänen zur Entwicklung von einem Neubaugebiet am Columbiadamm kritisieren Anwohner, dass hier nicht „klar ist, ob es für die vielen Häuser überhaupt einen Bedarf gibt“. Ein Redner fürchtet, am Nordrand des ehemaligen Flugfeldes könne ein „Märkisches Viertel mit Goldrand“ entstehen. Eine Eventfläche taucht in den Beiträgen auf, für Popkonzerte, Sportereignisse oder sogar einen dauerhaften Jahrmarkt. Ob denn die Senatsbaudirektorin sich mit den Plänen für Wohnquartiere ein Denkmal setzen wolle, wird sie gefragt.

Regula Lüscher nimmt’s gelassen: „Ein Denkmal will ich nicht bauen, denn das ist ja schon da“ – das Terminalgebäude. Sie sehe sich durch die vielen Wortmeldungen und mitunter energisch vorgetragenen Meinungen bestätigt, sagt sie: „Wir wollen, wie Sie, den ehemaligen Flughafen behutsam entwickeln, das Gelände Stück für Stück öffnen.“ Zwischennutzer sowie die 2017 hier geplante Gartenausstellung sollen Wege zeigen, was am Ende entsteht. Nach einer Ära, in der die Berliner fertige Stadtmodelle vorgesetzt bekamen, ist das ein neuer Kurs. Dennoch ist nach diesem Abend klar: Die große Idee für Tempelhof fehlt noch.

Und der Schirm? Regula Lüscher lächelt. „Ich hatte keinen dabei“, sagt sie, „das war ein Scherz.“

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