Berlin : Zulassungsstopp

Wenn die Frauen zur Versammlung gerufen werden, ruht die Arbeit im Kraftfahrzeugamt

Sigrid Kneist

Wer gestern Vormittag nach 10 Uhr sein Auto in der Zulassungsstelle in der Ferdinand-Schultze-Straße anmelden wollte, kam leider zu spät, obwohl das Kfz-Amt normalerweise am Mittwoch bis 14.30 geöffnet hat. Aber gestern standen die Autofahrer schon früher vor verschlossenen Türen: In der Behörde fehlten die Frauen, die die Anträge bearbeiten. Die Frauenvertreterin des Landeseinwohneramtes (LEA), zu dem auch die beiden Kfz-Zulassungsstellen gehören, hatte nämlich alle weiblichen Beschäftigten zu einer Frauenversammlung eingeladen, die um 13 Uhr begann und drei Stunden dauern sollte.

Dass man in Lichtenberg anders als in der Kreuzberger Zulassungsstelle keinen Notdient anbieten konnte, erklärt Thomas Hess, Leiter des Steuerungsdienstes beim Landeseinwohneramt, damit, dass dort besonders viele Frauen tätig sind. Überhaupt zählt das LEA zu den Berliner Behörden mit dem höchsten Frauenanteil. Drei Viertel der gut 1200 Beschäftigten sind weiblich. Allerdings hat das Amt in Sachen Gleichstellung einigen Nachholbedarf. Denn ein in der vergangenen Woche veröffentlichter Bericht von Frauensenator Harald Wolf zählt das LEA zu den drei Behörden des Landes, in denen es die wenigsten Frauen im höheren Dienst gibt. Diese Versammlung für die Mitarbeiterinnen muss es nach dem Landesgleichstellungsgesetz in allen Ämtern und Einrichtungen einmal im Jahr geben – und alle weiblichen Beschäftigten haben das Recht, daran während ihrer Dienstzeit teilzunehmen. Dies muss wie bei Personalversammlungen für die komplette Belegschaft gewährleistet sein. So können dann beispielsweise Kitas, in denen zum ganz überwiegenden Teil nur Frauen arbeiten, stundenlang geschlossen bleiben, wenn die jährliche Frauenversammlung im Bezirksamt stattfindet.

Die Zahl der Teilnehmerinnen bei den Veranstaltungen scheint bei jeder Behörde unterschiedlich zu sein. In der Innenverwaltung sei das Interesse immer durchaus rege, sagt Verwaltungssprecher Peter Fleischmann. Auch für den Senator sei es eine Selbstverständlichkeit, bei der Frauenversammlung zumindest vorbeizuschauen und eine Rede zu halten. Neben dem Tätigkeitsbericht der Frauenvertreterin gehe es dann oft um ganz praktische Fragen. Im Mittelpunkt stehe dabei die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Besprochen werde beispielsweise, wie lange man der Arbeit fern bleiben dürfe, wenn ein Kind erkrankt. „Eigentlich sind das auch für Männer interessante Fragen“, sagt Fleischmann. Aber diese stellen sie in der Regel nicht. Vielleicht sollte es künftig im Sinne der Gleichstellung doch auch einmal Männerversammlungen geben.

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