Berlin : Zum Abgewöhnen

Gesundheitsexperten fordern, Zigarettenautomaten gleich ganz abzuhängen. Ein Pro & Contra

Annette Kögel

Mit dem Bier aus dem Automaten war auch mal Schluss. Vor einigen Jahrzehnten noch konnte man sich das Pils aus der Maschine ziehen. Doch das wurde untersagt: zum Schutz der Jugend. Das Gleiche sollte nun mit den Zigarettenautomaten geschehen, fordern Kritiker aus der Gesundheitsbranche: Die Alterskontrolle für Konsumenten per EC- und Geldkarte oder EU-Führerschein mit einem speziellen Chip sei halbherzig und nicht hundertprozentig sicher. Deswegen sollte man die Geräte besser abmontieren. Damit wären Millioneninvestitionen in den Sand gesetzt, der Verbraucher würde in seiner Entscheidungsfreiheit eingeschränkt – und zudem wäre das ein Eingriff in die freie Marktwirtschaft, hält die Tabak- und Automatenindustrie dagegen.

Seit dem 1. Januar dieses Jahres müssen alle 500 000 Automaten eine Alterssperre besitzen – Deutschland hat übrigens die höchste Automatendichte der Welt. In Berlin sind alle 9000 Automaten umgestellt. „Sie sollten gleich ganz abgehängt werden“, sagt Anti-Raucher-Lobbyist Johannes Spatz vom Forum Rauchfrei, einer Initiative von Wissenschaftlern und Klinikvertretern. „Automaten sind Werbeträger und immer wieder Anreiz zuzugreifen.“ Jeder zweite Raucher sterbe an Krebs- oder Herzkreislaufkrankheiten infolge der Sucht, jedes Jahr gebe es hierzulande bis zu 14 000 Todesfälle durch Passivrauchen. Da sei der Jugendschutz wichtiger als Umsatzzahlen, sagt Spatz. Schließlich sei das Einstiegsalter in Berlin auf 11,8 Jahre gesunken – und die Sucht beginne in jungen Jahren. Spatz lobt die Selbstverpflichtungserklärung der Branche, wonach in der Nähe von Schulen und Jugendzentren keine Automaten mehr installiert werden. Doch dass die Branche jetzt trotz „angeblich sicherer Geräte“ daran festhalte, ist für ihn ein Beweis, dass der Jugendschutz nicht funktioniere. „Die borgen sich einfach die Karte von älteren Freunden.“

300 Millionen Euro hat die Branche bundesweit in die neue Technik investiert, sagt Wolfram Huber, Geschäftsleiter von Tobaccoland, dem branchengrößten Aufsteller in Berlin. „Nun plötzlich so was zu fordern, ist populistisch und kontraproduktiv. Wir hatten die politische Vorgabe, und wir brauchen Planungssicherheit“, sagt Huber. Seit Jahren werde jede vierte Schachtel in Deutschland am Automaten gezogen, und die vielen Nachfragen „zur wirklich jugendschutzsicheren Kartenprüfung“ zeigten, dass die Konsumenten die neuen Geräte nach einer Eingewöhnungsfrist annehmen werden. Zwar hängen in Italien und Frankreich keine Automaten, doch in diesen Ländern verkaufen die Kneipiers die Päckchen, sagt Huber.

Die Tabakbranche ist derweil selbst in Sachen Nichtraucherschutz aktiv: Mitarbeiter bitten mit Aufklebern und Aufstellern bei Gastwirten darum, Nichtraucherplätze einzurichten. Die Anti-Raucher-Fraktion wirbt derweil bei der Bundesregierung – wohl erfolgreich – dafür, dass die Altersgrenze sogar noch auf 18 heraufgesetzt wird.

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