Berlin : Zum Abschied einen Sekt

Weil die Miete sprunghaft steigt, ist das traditionsreiche Kino Astor am Ende. Am Sonntag läuft an der Ecke Kurfürstendamm und Fasanenstraße der letzte Film

Matthias Oloew

„Wir treffen uns am Astor.“ Diese Verabredung klappte immer. Denn das Astor war ein Begriff. Und das Astor an der Ecke Kurfürstendamm und Fasanenstraße war nicht so groß, um sich im Getümmel zu verlieren, aber auch nicht eines dieser klitzekleinen Schachtelkinos, in denen Filme anschauen eine Tortur war. Nein, das Astor war immer pures Kinovergnügen. Es war. Denn das Astor muss schließen. Am Sonntag ist Schluss. Hausherr Hans-Joachim Flebbe und Theaterleiter Jürgen Friedrich kapitulieren vor einer sprunghaft gestiegenen Miete.

Nichts, so scheint es, konnte das Astor retten. Der Denkmalschutz des Hauses nicht, der nicht festschreibt, dass im Haus ein Kino betrieben werden muss. Auch die Historie des Kinos nicht, das bis 1999 als Spielort der Berlinale diente. Und auch die Zuschauer nicht, die seit der Eröffnung der großen Riesenkinos am Potsdamer Platz zwar nicht mehr ganz so zahlreich, aber dennoch stetig und treu ins Astor kamen. Etwa ein Drittel weniger Eintrittskarten hat Theaterleiter Jürgen Friedrich aufs Jahr gerechnet seit Beginn des Multiplex-Booms verkauft.

Aber jetzt läuft der Vertrag aus und es ist mehr Miete fällig. Nicht ein paar Euro sondern gleich mehr als das Doppelte. Die Summe blättert nun der amerikanische Kleiderdesigner Tommy Hilfiger für einen so genannten Flagship-Store hin. Das Charakteristische an Flagship-Stores ist, dass sie sich wirtschaftlich nicht rechnen müssen. Als Schaufenster der Mode-Unternehmen dürfen sie nahezu kosten, was sie wollen. Kinos aber müssen sich rechnen. Deshalb muss das Astor jetzt schließen.

Für Jürgen Friedrich ist das traurige Routine. Er hat als Theaterleiter schon die Lupe1, das Gloria und die Gloriette dicht machen müssen. Jetzt sitzt er versonnen am Tresen im Foyer des Astor. „Das ist alles sehr traurig für den Ku’damm“, sagt er, „hier gab es einmal die größte Kinodichte in ganz Deutschland.“ Das ist vorbei. Das Gloria gab 1998 auf, zwei Jahre später folgte die Filmbühne Wien und 2001 war das Marmorhaus dran. Kleinere Kinos in der näheren und weiteren Umgebung starben ebenfalls, wie die Lupe 2, das Olympia oder das Schlüter.

Fast siebzig Jahre diente das Astor als Kino. 1934 hat es Rudolf Möhring eingebaut in einen Saal, der zuerst als Restaurant und später als Revuetheater von Rudolf Nelson betrieben worden war. Hier trat in den 20ern Josephine Baker auf. Stars kamen aber auch ins Kino, vor allem während der Berlinale: Shirley MacLaine war da, auch James Stewart. Caroline Link präsentierte hier ihren Erfolg „Jenseits der Stille“. Das war die Astor-Mischung – ein schmaler Grat zwischen Anspruch und Mainstream. In dieses Spektrum passt auch der Film „E-Mail für Dich“, mit Tom Hanks und Meg Ryan in den Hauptrollen. Der Film wird der letzte sein, den Jürgen Friedrich am Sonntag im Astor zeigen wird. Es geht darin auch um einen kleinen Buchladen, der durch einen Multi verdrängt wird. „Das ist eine vergleichbare Geschichte“, sagt Friedrich.

„Danach trinken wir Sekt, verteilen Taschentücher und verabschieden uns voneinander.“ Einige Mitarbeiter wechseln in andere Kinos, einige gehen in Pension und einige machen etwas ganz anderes. Nur die Zuschauer, zu einem großen Teil ältere Gäste, „die werden wir nicht wieder sehen“, sagt Friedrich. Und was wird künftig mit der Verabredung? „Wir treffen uns am Tommy Hilfiger“? Nein, das funktioniert nicht.

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