Berlin : Zum Abschied plötzlich gute Noten

Seitdem klar ist, dass Bildungssenator Böger gehen muss, kippt die Stimmung zu seinen Gunsten. Warum?

Susanne Vieth-Entus

Es ist schon eigenartig. Seitdem jeder weiß, dass der Regierende Bürgermeister seinen Bildungssenator nicht mehr haben will, geht eine Welle der Sympathie durch die Stadt. Und zwar für Böger, nicht für Wowereit. Plötzlich sagen selbst seine härtesten Kritiker, dass der laut Umfragen seit Jahren unbeliebteste Senator der Stadt seinen Posten lieber behalten sollte. Was ist passiert?

Offenbar weitet sich im Angesicht des Abschieds der Blick auf die siebenjährige Gesamtleistung Klaus Bögers und löst sich vom täglichen Kleinklein, das den Blick auf die großen Zusammenhänge trübte. Und trüben musste: Denn wenn 330 000 Schüler mit rund 660 000 Eltern und 30 000 Lehrern in dem komplizierten System „Schule“ täglich aufeinandertreffen und das noch in Zeiten von Geldmangel und Pisa, von Migrantenproblemen hier und Schülerschwund da – dann kann das eben nicht reibungslos gehen.

„Bögers Tragik lag darin, immer wieder gegen den Finanzsenator Geld für die Berliner Schule erkämpft zu haben, das aber trotzdem nicht ausreichte“, sagt einer seiner agilsten Kritiker, der langjährige GEW-Chef und jetzige Schulleiter Erhard Laube. Und obwohl Böger zwei Arbeitszeiterhöhungen mittrug, den Lehrern Maulkörbe verpasste und die Schulen mit seinem Reformtempo manchmal heillos überforderte, findet Laube es „etwas schade, dass Böger nicht weitermachen darf“. „Weil man mit Böger reden konnte, weil ihm die Meinung von Schulleitern wichtig war. Weil er aus Überzeugung half, wenn es vor Ort brannte.“ Aber Laube gibt auch zu bedenken, dass es dem Senator „nicht immer gelungen ist, die Schulen vor Gängeleien und Bürokratismus der Verwaltung zu schützen“.

Hier liegt ein Grund für den Unfrieden, der ständig zwischen Böger und den Lehrern schwebte. Der Ton der Rundschreiben, die da in die Schulen flatterten, zermürbte das Verhältnis noch mehr, als es ohnehin schon durch die Lehrer-Arbeitszeiterhöhung und die Menge der Reformen geschehen war. Nur wenige Schulen begriffen, dass es nicht Böger war, der den Ton dieser Rundschreiben vorgab, sondern dass ihnen hier der Geist der Verwaltung entgegenschlug und der Stil einzelner Führungskräfte. Noch hat es kein Senator geschafft, dieses Haus zur einer Dienstleistungsbehörde umzukrempeln.

Wie sehr sich das Gängelungsdenken in der Schulverwaltung verselbständigt hat, wird fast täglich deutlich. Jüngstes Beispiel: Die GEW-Schulleitervereinigung startete am 13. November eine „Blitzabfrage zum Unterrichtsausfall“ und prompt flatterte in die Schulen aus der Verwaltung die Aufforderung, „die Blitzabfrage nicht zu beantworten“. Wohlgemerkt: Böger war gar nicht gegen diese GEW-Datenerhebung und hat den Schulen das auch gestern mitgeteilt.

Die zum Teil selbstherrliche, zum Teil auch schlicht überforderte Verwaltung war allerdings nicht Bögers einziges Problem. Schwerer wog, dass er von Anfang an mit der SPD-Linken über Kreuz lag – etwa in Bezug auf das Unterrichtsfach Religion. Dass hier etwas nicht zusammenpasste, zeigte sich schon bei Bögers erstem Schulbesuch als Senator am 20. Dezember 1999, den er mit dem damaligen SPD-Fraktionschef Klaus Wowereit absolvierte: Während Böger dort eine „erste Diskussionsrunde“ zum Thema Religionsunterricht ankündigte, konterte Wowereit sogleich, dass „Partei und Fraktion weiter dagegen sind“. Dabei blieb es.

Und es blieb auch sonst viel Distanz. Deshalb hielt Wowereit es auch nicht für nötig, Böger beizustehen, als Lehrer und Eltern gegen Kürzungen auf die Straße gingen. Der Bildungssenator sollte die Empörungssuppe allein auslöffeln, die doch der gesamte Senat eingebrockt hatte. Es wirkt deshalb zynisch, wenn es aus der SPD jetzt heißt, man habe Böger nicht halten können, weil er so unbeliebt war. Denn er war unbeliebt, weil er aus Loyalität seinen Kopf für Wowereit und Sarrazin hinhielt.

Warum aber hat sich denn nun dieses Unbehagen vieler Lehrer und Elternvertreter so plötzlich aufgelöst, dass sie ihn jetzt mit Lobeshymnen förmlich überziehen? Es ist wohl so, dass im Rückblick deutlich wird, wie viel Böger bewegt hat. Dass er eben nicht „nur“ die Schulreformen auf den Weg brachte. Vielen fällt jetzt ein, dass da noch viel mehr war.

Dass er zum Beispiel 80 000 türkischen Familien Elternbriefe ins Haus schickte, um ihnen zu zeigen, welchen Anteil auch sie an der Bildung ihrer Kinder haben. Dass er die ehemalige Ausländerbeauftragte Barbara John als Ratgeberin holte, aber auch die Grüne Sybille Volkholz, die ihm half, den Modellversuch für eigenverantwortliche Schulen auf den Weg zu bringen. Dass er einen der besten Hauptschulleiter der Stadt als Referenten zu sich holte und mit ihm die Hauptschulreform auf den Weg brachte. Dass er den Kontakt zur Birthler-Behörde herstellte, damit Schüler mehr erfahren über die Machenschaften der Stasi. Dass er die Nacht der Talente ins Leben rief, weil er „fast körperlich darunter litt, dass immer nur das Negative zur Kenntnis genommen wurde“. Bei der Nacht der Talente ist er immer aufgeblüht und auch dann, wenn er in Grundschulen vorlesen konnte.

Einmal hat Böger es sogar ans Rednerpult im Bundestag geschafft. Anlass war der Rütli-Skandal. Dass Böger es kurz vor dem Skandal gelungen war, über EU-Mittel Sozialarbeiter für die Hauptschulen zu finanzieren, interessierte da schon niemanden mehr.

Ja, Böger hätte früher eine Diskussion über die Abschaffung der Hauptschulen anstoßen können. Er hätte die Arbeitszeiterhöhung verhindern müssen. Er hätte die Sprachförderung für Migranten früher verbessern müssen. Aber immerhin war er der bundesweit erste Senator, der ein Kita-Bildungsprogramm mitsamt Sprachförderung entwickeln ließ.

Heute wird Böger noch einmal zum Parteitag der SPD gehen, für die er 17 Jahre im Parlament saß und in der er lange den Ton angab. Er hätte gern weitergemacht als Bildungssenator. Seinem Nachfolger wünscht er etwas, was er selbst nicht erlebt hat: „Kontinuierliche politische Unterstützung, auch wenn mal der Wind von der Seite kommt. Und dass er den inneren Frieden mit den Lehrern macht.“

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