Berlin : Zum an den Overhead fassen!

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Klar, dass Politiker über ihre Reformpläne informieren und auch dafür werben. Die Frage ist nur, wie. Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner erklärte also neulich, dass der öffentliche Gesundheitsdienst „neu und sozialkompensatorisch ausgerichtet“ werden soll.

Da reden Politiker immer vom Abbau der Bürokratie, aber sie sind der Bürokratie ausgeliefert oder doch so beschäftigt, dass sie gar keine Zeit mehr haben, in verständliches Deutsch zu übersetzen, was ihnen die Fachbeamten aufgeschrieben haben. Was hat man sich unter einer „sozialkompensatorischen Ausrichtung“ der Reform beziehungsweise unter einer „Ausrichtung auf problematische Sozialräume“ vorzustellen? Man möchte abschalten bei so blutleeren Worten, nicht wahr. Senatorin Knake-Werner erklärte auf die Frage geduldig, Ärzte leisteten „aufsuchende Hilfe“, der Gesundheitsdienst solle sich stärker um Menschen kümmern, die „nicht den Weg in Gesundheitseinrichtungen finden“. Man ahnt so etwas wie Hausbesuche, jedenfalls in diesen „problematischen Sozialräumen“, die dort sein müssen, wo die ärmsten Schlucker leben.

Natürlich soll der Gesundheitsdienst „seine Angebote flexibel an den jeweiligen sozio-strukturellen Gegebenheiten und an der Bevölkerungsentwicklung Berlins ... orientieren“. Flexibel ist immer gut. Ein bisschen Englisch muss auch noch sein. Es geht schließlich „im Sinne von New Public Health“ um „Prävention und Gesundheitsförderung“. Nur muss die Senatorin auch dafür sorgen, dass die „Overheadkosten“ gesenkt werden. Bei diesem leisen Stichwort ist man immerhin hellwach. Es wird umstrukturiert, Personalkosten müssen gespart werden.

Zum Beispiel ist geplant, die Zahl der Beratungsstellen für „Sinnesbehinderte“ von fünf auf drei zu reduzieren, auf je eine für Hör-, Seh- und und Sprachbehinderte. Wenigstens ist damit klar, was zu den Sinnesbehinderungen zählt. Auch sollen „Impflücken geschlossen“ werden, was aber keine Impflicht für alle Kinder bedeuten soll, wie die Senatorin auf Fragen sagte. Und wer sind „Dritte“, an die Aufgaben des Gesundheitsdienstes übertragen werden können? Vermutlich sind Wohlfahrtsverbände gemeint.

So eine Pressekonferenz über ein Reformvorhaben ist schon interessant. Man denkt die ganze Zeit daran, dass unsere Spitzenpolitiker Dolmetscher einstellen sollten.

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