Berlin : Zum Dahinschmelzen

Geschmacksvielfalt statt Fürst-Pückler-Monotonie: Auch in den Eisdielen hat eine neue Zeit begonnen Ehrgeizige Betreiber geben sich mit Kondensmilch und Dosenobst als Zutaten nicht länger zufrieden.

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Kalt erwischt. Auch bei „Lauter Eis“ am S-Bahnhof Botanischer Garten haben künstliche Aromen Zutrittsverbot. Foto: Thilo Rückeis
Kalt erwischt. Auch bei „Lauter Eis“ am S-Bahnhof Botanischer Garten haben künstliche Aromen Zutrittsverbot. Foto: Thilo Rückeis

Was hat sich in Berlins Eisdielen in den vergangenen Jahrzehnten geändert? Alles. DasWichtigste: Kaum ein ehrgeiziger Eismacher gibt sich noch damit zufrieden, nach dem Vorbild der einst dominierenden Italiener standardisierte Grundmasse aus Dose oder Beutel in gefrorener Form weiterzuverkaufen. Auch Kondensmilch, Obstkonserven und künstliche Aromastoffe, vor allem Vanillin, stehen auf dem Index – die sechziger Jahre sind vorbei, in der Eisdiele genau wie im besseren Restaurant. Gutes Eis scheint unter Existenzgründern als schnelles, nicht zu kapitalintensives Erfolgsmodell zu gelten, und es hat sich ein grundlegender Geschmackswandel vollzogen, an dem vor allem gut ausgebildete Eismacher schuld sind, die häufig eine Konditoren- oder Kochlehre hinter sich haben und wissen, wie es richtig geht.

Am deutlichsten wird dieser Wandel beim Pistazieneis. Jahrzehntelang wurde unter diesem Namen eine quietschgrün gefärbte, mit Bittermandelaroma aufgedonnerte Sorte verkauft, die mit Pistazien so viel zu tun hatte wie das blaue Schlumpf-Eis mit... Na, Sie wissen schon. Gutes Pistazieneis hat eine eher bräunlich-grüne Farbe und intensiven Nussgeschmack, der durch eine Prise Salz noch gehoben werden kann. Und wenn dann sogar ganze Pistazien drin sind, entsteht eine Götterspeise ganz eigener Prägung, an der wir die besten Berliner Eismacher erkennen. Meine Topbetriebe haben sie: Vanille & Marille, Caffé e Gelato, Berliner Eismanufaktur, Lauter-Eis.

Ja, schon gut. Die „besten Eisdielen“ lassen sich ungefähr so objektiv benennen wie die besten Hits der neunziger Jahre. Jeder hat seinen Lieblingsladen, vorzugsweise gleich unten an der Ecke, und verklärt ihn zum besten der Stadt. Da niemand auch nur einen größeren Teil aller einschlägigen Betriebe kennt – es werden täglich mehr, so scheint es –, ist die Suche nach dieser besten Eisdiele illusorisch. Aber es lohnt natürlich, die guten aufzuschreiben, die über das Mittelmaß deutlich hinausragen.

VANILLE & MARILLE

Mein Lieblingsladen also heißt „Vanille & Marille“, weil dort nicht nur beste Produkte originell kombiniert, sondern auch geschmacklich mit enormer Sicherheit optimiert werden. Die schon erwähnte Pistazie, Dörraprikose (also: Marille) mit kandierten Pinienkernen und weißem Pfeffer, Zitrone-Zimt, Mango, Caramel/Beurre Salé... Das ist keine jener Eisdielen, in denen ein Hyperkreativer alle paar Tage was Neues ausbrütet und in die Szene schießt, aber es ist eben auch alles andere als das normale Programm (Hagelberger Straße 1 in Kreuzberg und Leydenallee 92 in Steglitz).

CAFFÉ E GELATO

Unter den italienischen, also: von Italienern betriebenen Eisdielen ragt „Caffé e Gelato“ in den Potsdamer Platz Arkaden heraus. Das gilt vor allem für die „Premium“-Sorten, die zum kühnen Preis von 1,50 und 2 Euro (Bioeis) verkauft werden. Mascarpone mit Akazienhonig und Mandelkrokant, Joghurt-Mandel-Feige oder Zitrone-Basilikum stehen also selbstbewusst neben den Klassikern, deren Qualität ebenfalls weit über das Niveau der üblichen Italieneisdiele hinausragt.

EISBOX

Einen gewissermaßen intellektuellen Anspruch pflegt die „Eisbox“ im lauschigen Kleinkiez der Elberfelder Straße 27 in Moabit. Viele der Sorten sind aromatisch gebrochen, komplex konstruiert und verlocken zum Nachschmecken. Vanille zum Beispiel enthält auch einen Hauch Orangenschale, das direkte Mangoaroma wird mit Mascarpone gepolstert, und für die fernöstlich gepolten Kunden gibt es auch Grünteeeis. Das Programm wechselt stärker mit den Jahreszeiten als in anderen Betrieben.

EISMANUFAKTUR KG

Ein Impulsgeber für den aktuellen Trend war die Berliner Eismanufaktur an der Ecke Oranienburger/Auguststraße. Seit der Trennung der beiden Gründer geistern zwei Betriebe mit diesem Namen durch die Szene, ich empfehle die „Eismanufaktur KG“ mit den Standorten Simon-Dach-Straße 9 in Friedrichshain und Auguststraße 63 in Mitte. Hier sind es vor allem die Sorbets, die keineswegs nur aus Früchten, sondern etwa auch aus Kakao hergestellt werden und weniger auf sahnesatte Überwältigung als auf aromatische Präzision setzen.

LAUTER EIS

Auch im Berliner Südwesten gibt es neue Entwicklungen. Direkt am S-Bahnhof Botanischer Garten befindet sich „Lauter Eis“ (Hortensienstraße 126). Katharina Laute macht alles selbst und profiliert sich beispielsweise mit Eis aus weißer Amedei-Schokolade, angenehm herbem Mohneis, Rhabarbersorbet und dem besagten, sehr gelungenen Pistazieneis. Auch hier haben Aromen und Füllmassen kategorisches Zutrittsverbot.

EISKIMO

Dies gilt ebenso – ein paar Straßenecken weiter – bei „Eiskimo“ am Bahnhof Lichterfelde-West (Curtiusstraße 8). Auch in dieses anheimelnde Biotop des bürgerlichen Westens passt eine individuelle Eisdiele wie diese. Heißer, nein, kalter Tipp für Einsteiger: das köstlich frische Quark-Maracuja und das herb-süße Erdnuss mit knusprigen Nüssen. Vor der Tür ist – wie auch bei Lauter – eine kleine Lounge aufgebaut worden, die nach längerem Aufenthalt ruft. Nicht umsonst besitzen so gut wie alle anspruchsvollen Eisläden auch eine gute Kaffeemaschine.

FRANKEN & GRUNEWALD

Fast schon ein Klassiker des Kalten ist „Franken & Grunewald“ in der Gossowstraße 6 in Schöneberg. Hier tragen die Sorten oft Doppelnamen wie Honig-Sesam, Chili-Schokolade oder Orange-Ingwer; selbst hinter „Kulfi“ verbirgt sich etwas Doppeltes, nämlich ein traditionelles indisches Eis mit Pistazien und Kardamom. Auch diese Firma hat den ersten Schritt auf dem Weg zum Großfilialisten getan: Es gibt einen Ableger in der Prenzlauer Allee 217 in Prenzlauer Berg.

CARAMELLO

Platzhirsch in dieser Gegend ist allerdings „Caramello“ mit den drei Filialen, Rykestraße 7, Kollwitzstraße 37 und Hufelandstrasse 14 sowie einer weiteren in der Wühlischstrasse 31 in Friedrichshain. Das Erfolgsrezept hier ist die Beschränkung auf biozertifizierte Zutaten und teilweise vegane Zubereitung mit Soja und Hanfmilch, es gibt Sorten wie „Sindbad“, „Deep Blue“ und „1001 Nacht“ – gemessen daran sind die Preise von 1 bis 1,20 Euro pro Kugel günstig.

So, nun sind unweigerlich alle beleidigt, die hier nicht erwähnt wurden, beleidigt vermutlich vollkommen zu Recht. Die so oder so stadtbekannten Ketten Florida und Hennig, die qualitätsbewussten Macher von Häagen-Dazs und ein paar andere: Roberta in der Goltzstraße 14 in Schöneberg, Rosa Canina in der Pasteurstraße 32 und der Hufelandstraße 7 in Prenzlauer Berg, Vanille & Co in der Joachim-Friedrich-Straße 27 in Charlottenburg und… Aber der Sommer ist ja noch lang – und der nächste kommt schon in einem Jahr. Dann gibt es vermutlich noch einige Eisläden mehr in der Stadt.

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