Berlin : Zum Geburtstag: Ein Halleluja für den Papst

Wolfgang Seifen ist Organist an der evangelischen Gedächtniskirche Für das katholische Kirchenoberhaupt hat er eine Messe geschrieben

Claudia Keller

Eigentlich war es nur ein Scherz. Jetzt ist es eine Papstmesse. „Schnapsidee“, sagt Wolfgang Seifen, 50 Jahre, Jeans, kurze angegraute Haare. Er sitzt an der großen Orgel in der Gedächtniskirche und zieht kurz die Schultern hoch, als könnte er selbst nicht begreifen, wie das gekommen ist. Nur ein Lichtstrahl leuchtet im dunklen Blau des Kirchenraums. Er fällt auf die Tastatur der Orgel und auf die Notenblätter darüber. 150 Seiten mit kleinen schwarzen Notenköpfen, mal sind sie luftig über die Linien verteilt, mal stehen sie dicht beieinander und bilden steile Gebirge. Das ist die Missa Solemnis „Tu es petrus“ (Du bist Petrus), die Wolfgang Seifen für Papst Benedikt XVI. komponiert hat.

Der Papst wird am 16. April 80 Jahre alt. „Da muss doch was kommen, aus Deutschland“, hatte vor zwei Jahren ein Freund beim Wein zu Seifen gesagt. „Komponier doch mal was!“ Nun ist Seifen nicht irgendwer, der mal eben irgendwas komponiert. Der freundliche Mann mit dem rheinischen Akzent unterrichtet an der Hochschule der Künste Improvisation und liturgisches Orgelspiel und ist einer der fünf Organisten der Gedächtniskirche. Seifen ist also durchaus ausgelastet im Berufsalltag. Wenn er sich zusätzlich etwas an Land zieht, muss es Hand und Fuß haben. Aber die Idee seines Freundes gefiel ihm. Schließlich beschäftige ihn dieser Papst, dieser Papst! schon viele Jahre.

Seifen war früher mal Regensburger Domspatz und gehörte somit jenem Chor an, der später von Benedikts Bruder Georg geleitet wurde. Mit Georg Ratzinger sei er immer noch befreundet, man schreibe sich zu den Feiertagen und besuche sich ab und zu. Erst vor drei Wochen war er wieder dort bei ihm. Und den Joseph Ratzinger habe er auch ein paar Mal kennengelernt. Seifen war 18 Jahre lang Organist im niederrheinischen Wallfahrtsort Kevelaer. Da sei der Kardinal öfter mal vorbeigekommen.

Dennoch, Papst hin oder her: Erst mal mussten Sponsoren und sozusagen offizielle Auftraggeber für die Komposition gefunden werden. Die Pax Bank, das Katholische Hilfswerk und der Malteserorden ließen sich schnell begeistern. Nicht so die Offiziellen der katholischen Kirche. „Ach, wissen Sie, wir Katholiken feiern Geburtstage ja eigentlich gar nicht“, habe er von der Bischofskonferenz zu hören bekommen. Auch der Nuntius des Papstes, der Botschafter des Vatikans in Berlin, winkte ab.

Jetzt wird Seifen von Journalisten besucht, ein Kamerateam begleitet die Proben zur Messe, zur Uraufführung in der Berliner St. Hedwigs-Kathedrale am 15. April haben sich die Kanzlerin und natürlich die deutschen Bischöfe angesagt. „Jetzt ist großer Bahnhof“, sagt Seifen und lacht, weil er an die stockende Begeisterung vom vorigen Jahr denkt. Aber einer war auch damals schon angetan: der Kölner Kardinal Joachim Meisner. Der übernahm gleich die Schirmherrschaft und wird den Gottesdienst am 15. April in Berlin leiten. Gleichzeitig fühlte Georg Ratzinger bei seinem Bruder vor, wie es denn mit seiner Freude aussehen würde, wenn man aus Deutschland eine Messe zu seinen Ehren … „Ach, der Seifen, den kenne ich doch“, habe der Papst gesagt, und dass er sich natürlich freuen würde. Am 10. Oktober ist die Aufführung im Petersdom in Rom.

„Mmh …“, macht Seifen und greift in die Orgeltasten. „Hören Sie, wie es ätherisch aus der Tiefe kommt, die Streicher ganz sachte, dann die Steigerung mit dem Kyrie, jetzt Fortissimo, ah, als ob jemand schreit.“ Seifen schlüpft in seine Noten und lässt sich von der eigenen Komposition davontragen. Seine Messe umschreibe nicht die Persönlichkeit von Joseph Ratzinger, was man aus dem Titel „Papstmesse“ vielleicht schließen könnte. „Nein, nein“, sagt der Organist, „die Messe ist dem Papst zwar gewidmet, aber es ist in erster Linie Musik für den lieben Gott.“ Ein Versuch, mit musikalischen Mitteln den Text der lateinischen Messe zum Klingen zu bringen. „Ein bisschen wie Filmmusik, die unterstreicht auch die Dramatik der Ereignisse.“ Nur, dass es sich hier statt um Filmszenen um das Kyrie, das Gloria, das Credo handelt. Für Wolfgang Seifen sind diese Begriffe so gängig wie für andere Menschen das Modell ihres Autos. „Ich bin katholisch bis auf die Knochen“, sagt er. Und an der evangelischen Gedächtniskirche Organist? „Nun ja, in Berlin ist vieles möglich.“

Er blättert Seite um Seite um, die Musik verdichtet sich manchmal dramatisch und wird ganz schwer, dann wieder leicht, der Takt wechselt von Dreivierteln zu 5er- und sogar 7er-Rhythmen, die Tonart von Dur zu Moll. „Manche Menschen schreien aus Verzweiflung zu Gott, andere meditieren leise“, sagt Seifen. Das soll man heraushören. Und immer wieder das Leitmotiv „Du bist Petrus“. Vergangenen Juni hat er das erste Notenblatt für seine Messe beschrieben. „Dann jeden Tag durchkomponiert, im September war ich fertig.“ Jetzt wird jeden Tag geprobt. Die Messe dauert 45 Minuten und ist für die ganz große Besetzung eines Sinfonieorchesters geschrieben. Wo so viele Musiker hernehmen? Seifen ist mit dem Leiter der Orchester der Humboldt–Universität befreundet. Der hat kurzerhand die zwei Orchester zusammengelegt, plus ein Chor, macht insgesamt 240 Musiker.

„Ach Gott, es wird ja so viel komponiert und verschwindet in der Schublade“, sagt Seifen. „Braucht die Welt diese Papstmesse? Das kann man sich natürlich fragen.“ Seifen ist nicht erkennbar eitel. Aber immerhin: Die Messe werde ein paarmal aufgeführt, aufgenommen, die ARD überträgt, die Musiker gehen auf Tournee damit. „Und dann schau’n mer mal.“

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