Berlin : Zum Geburtstag einen Halbmarathon

Egon Bethge ist mit 83 Jahren der älteste Läufer. Etwa 20 000 Sportler gehen heute an den Start

Andreas Kirchhof

Gestern feierte Egon Bethge seinen 83. Geburtstag, heute startet er als ältester Läufer beim Halbmarathon. Und da gute Vorbereitung alles ist, schnürte Bethge auch an diesem Tag seine Laufschuhe und trainierte. Zum Laufen kam der ehemalige Lehrer und Schulrat aus Friedrichshain erst ziemlich spät. Nach seiner Pensionierung fing er damit an; mit 80 Jahren lief er seinen ersten Marathon. Seit seinem späten Einstieg ist er jedes halbe Jahr bei den Berliner Renn-Klassikern dabei und hat seitdem keinen Berlin-Marathon (42,195 Kilometer) und keinen Halbmarathon ausgelassen.

Den Entschluss, den ersten Marathon zu laufen, fasste Bethge damals spontan: „Vor meinem achtzigsten Geburtstag habe ich im Fernsehen einen Marathonlauf verfolgt. Da waren ein paar Ältere dabei.“ Er dachte: Das kann ich auch. Zwischen den Läufen trainiert er ausgiebig. Auf kariertem Papier führt er Buch über die wöchentlich gelaufenen Strecken: Mal sind es zwölf, mal 21 Kilometer am Tag. Mit eiserner Disziplin hält er sein Pensum ein, läuft auch im Winter bei Schnee und Eis.

Warum so viel Sport? „Ich fühle mich nach dem Laufen wohl. Ich bin viel freier, seit ich laufe, und meine Atmung ist besser“, sagt Bethge. Regelmäßig schwimmen ging er schon immer. „Aber mit dem Laufen habe ich aus gesundheitlichen Gründen angefangen.“ Nach seiner Pensionierung hatte Bethge mit Problemen zu kämpfen. Die Hausärztin warnte ihn: Mit seinem Puls stimmte etwas nicht. Ein Herzschrittmacher schien unumgänglich, und wegen Kreislaufproblemen hatte er bereits mehrere Ohnmachtsanfälle hinter sich. „Und dann fing ich an zu laufen. Erst 500 Meter, später 1000 Meter.“ Er steigerte das Training langsam. Trotzdem fiel es ihm nicht leicht: „Ich war anfangs nach dem Laufen ziemlich fertig, habe gejapst. Der Körper musste sich daran gewöhnen.“ Der Körper hat sich inzwischen gut daran gewöhnt: „Wenn ich 21 Kilometer gelaufen bin, fühle ich mich nach einer Stunde wieder fit.“

Ihm sei egal, als wievielter er durchs Ziel komme. Dennoch kamen bei seinem letzten Halbmarathon im April 2005 eine ganze Reihen von Läufern, die gerade mal halb so alt waren wie er, erst nach ihm durchs Ziel. Stolz erzählt er von einem Besuch beim Kardiologen, bei dem der Arzt sagte: „Herr Bethge, Sie haben das Herz eines 60-Jährigen. Wenn es so weitergeht, können Sie bis 90 laufen.“ Ob er tatsächlich noch so lange weitermachen will, weiß er nicht.

Wenn er eines Tages kürzer treten sollte, könnte das auch daran liegen, dass sich seine große Familie inzwischen um ihn sorgt. Frau, Kinder und Enkel drängen ihn zu Vorsicht: „Beim Halbmarathon ist es nicht so schlimm, aber wenn ich einen Marathon laufe, schimpfen sie immer.“

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