Berlin : Zum Geburtstag wackeln die Wände

Der Zoo-Palast wird 50. Jetzt geht es dem Filmpalast an die Substanz, Teile des einstigen Premierenkinos werden abgerissen

Andreas Conrad/Matthias Oloew

Bei Schiffstaufen ist eine zerschellende Sektflasche Pflicht, die Eröffnung eines Bauwerks dagegen wird nur mit einem kühnen Schnitt durch ein Band komplett. Das gilt auch für Lichtspieltheater, zumal wenn sie das Renommierstück der lokalen Kinoszene werden sollen, wie der Zoo-Palast vor 50 Jahren. Am 28. Mai 1957 wurde er eröffnet, Ersatz für den kriegszerstörten Ufa-Palast am Zoo, und diesmal war es die Hand Liselotte Pulvers, die die Schere führte.

Sie war der Star des Abends, Hauptperson in dem Käutner-Film „Die Zürcher Verlobung“, der in den westdeutschen Kinos schon einige Wochen lief und nun eben in Berlin seine nachgezogene Premiere hatte. Auch Lilos Mitspieler Paul Hubschmid, Bernhard Wicki, Rudolf Platte und Werner Finck waren gekommen, vorneweg gab es Richard Wagner und Richard Strauss zur Einstimmung auf den kulturell wertvollen Abend.

Die Stadt war schon ein wenig aus dem Häuschen, solch einen Lichtspielpalast gab es im Nachkriegs-Berlin noch nicht. „Der Abend“ hatte mit dem Betreiber einen Namenswettbewerb ausgelobt, schmückte sich mit Hildegard Knef und Hans Söhnker als Jury-Mitgliedern und verteilte 213 Preise, die von 1000 Mark in bar über eine Musiktruhe „Siemens-Schatulle M 57“, einen Staubsauger „Progress“, Polstersessel und Popelinemäntel bis hin zu Atelierbesuchen in den Spandauer CCC-Studios und Lippenstiften reichten. Der geballte Berliner Humor war über die Jury hereingebrochen, stapelweise gab es für die beiden keilförmig übereinandergeschobenen Säle Vorschläge wie „Doppeltes Lottchen“, „Zoolosseum“, „Latsch und Bommel“, „Knautschke und Bulette“ oder sogar „Klappstulle“ – gewählt wurden schließlich „Zoo-Palast“ und „Atelier am Zoo“ sowie, als gemeinsamer Spitzname, „Bikino“, was sich nicht durchgesetzt hat.

Der von den Architekten Paul Schwebes, Hans Schoszberger und Gerhart Fritsche entworfene Bau bot im Hauptsaal 1204 Personen Platz, die sich vornehmlich mit „deutschen Spitzenfilmen“ vergnügen sollten, der kleinere Saal, ausgelegt für 550 Zuschauer, war dem „ambitionierten ausländischen Film“ reserviert – ein heute ruinöses Konzept. Der Zoo-Palast war das wichtigste Premierenkino West-Berlins und von 1957 bis 1999 Hauptort der Berlinale, Bühne für die Stars des Weltkinos, Schauplatz glänzender Bärengalas – und draußen vor dem Eingang häufig Podium mal dieser, mal jener Demonstranten, die besonders gerne den Eröffnungsabend des Festivals nutzten, um ihre oft lokalen Anliegen der Weltöffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen.

Als Berlinale-Kino entging der Zoo-Palast dem Schicksal vieler Großkinos, die in den 70er Jahren in immer kleinere Schachteln zerlegt wurden. Dem Zoo-Palast wurden sie nicht implantiert, sondern außen angeklebt. Gleichwohl hatte er bei den diversen Eigentümerwechseln manche Umbauten hinzunehmen, zuletzt 1994, als der jetzige Betreiber UCI das Haus übernahm und für 20 Millionen DM aufpolierte. Die Wiedereröffnung wurde groß gefeiert, wieder mit Liselotte Pulver, Paul Hubschmid und Bernhard Wicki, dazu Jugendfilm-Chef Jürgen Wohlrabe sowie, ersatzweise für Billy Wilder, Karl Liefen als Ehrengästen, inklusive Preisverleihung für deren Verdienste um den deutschen Film und anschließendem Gala-Diner im Interconti.

Auch beim 40. Geburtstag wurde noch gefeiert, der 50. ist dem Eigentümer keinen Jubel mehr wert. Stattdessen geht es dem Filmpalast an die Eingeweide. Weil eine neue Einkaufspassage in das weitgehend denkmalgeschützte Gebäudeensemble aus Kino, Hochhaus am Hardenbergplatz und Bikini-Haus eingezogen werden soll, werden Teile des einstigen Premierenkinos abgerissen. Der schmucke 50er-Jahre Saal „Atelier“ muss Platz für Läden machen. Neun Säle hat das Kino jetzt, fünf sollen es künftig nur noch sein, in denen statt 2100 nur noch 1600 Gäste Platz finden. Auch der große Premierensaal, der derzeit 1070 Zuschauer fasst, soll auf rund 600 Sitze verkleinert werden. Dass unten Platz für Läden geschaffen werden soll, ist nur ein Grund für den Teilabriss. Der andere: Betreiber UCI sieht vor allem im großen Saal ein wirtschaftliches Manko.

Während der für die Baugenehmigung zuständige Stadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) die Pläne unterstützt und klar machte, dass er keinerlei Änderungsbedarf sehe, sind die Denkmalschützer froh, dass wenigstens an der äußeren Hülle und der Kubatur des Gebäudes nichts geändert wird. Für die Berlinale jedoch wäre ein solcher Umbau ein schwerer Schlag für den Festivalstandort in der westlichen Innenstadt. Große Premieren wären in dem verkleinerten Saal nicht mehr möglich. Und eine große Party für weitere Jubiläen auch nicht. Andreas Conrad/Matthias Oloew

Anlässlich des Jubiläums ist vom 31. Mai bis 15. Juli in der Kommunalen Galerie, Hohenzollerndamm 176, die Ausstellung „Kino-Magie: Zoo Palast Berlin“ zu sehen, mit Kinoarchitektur-Fotos von Christine Kisorsy.

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