Berlin : Zum Höhepunkt mit dem schnellsten Aufzug Europas

Lothar Heinke

Am Potsdamer Platz dürfen Berliner und Touristen DaimlerChrysler aufs Dach steigenLothar Heinke

Die Architektin Helga Timmermann freut sich: "Dies ist das schönste Haus, was wir gebaut haben, ich liebe es!". Ihr Projektleiter Jasper Jochimsen spricht von "fast biblischen Zeiten", die die Crew von Architekt Hans Kollhoff mit diesem Haus verbracht hat - sieben Jahre. Nun aber ist das Ende gekommen. Das stufenförmige Hochhaus mit der roten Fassade aus eineinhalb Millionen Torfbrand-Klinkern aus einem ostfriesischen Ringofen ist fertig. Es funktioniert. Und es bietet eine neue Attraktion für den Potsdamer Platz.

"Der Panoramapunkt ist der Höhepunkt", sagt DaimlerChrysler Immobilien-Geschäftsführer Hans-Jürgen Ahlbrecht, "ab kommenden Sonnabend kann jeder, der Lust auf einen phantastischen Panorama-Blick verspürt, den höchsten Punkt vom DaimlerChrysler-Areal genießen. Der schnellste Aufzug Europas bringt ihn ins 24. Stockwerk, 90 Meter hoch. Und dann kann er noch ein paar Treppen höher in den 25. Stock laufen, 96 Meter über Berlin."

Im verspiegelten Lift finden 13 Personen (oder 1000 Kilo) Platz. Wenn sich die marmorverkleideten Aufzugtüren schließen, geht alles wie im Fluge. Die Rede ist vom schnellsten Aufzug Europas, aerodynamisch verkleidet und Windkanal-getestet. Die Firma Thyssen hat in der Daimler-City 42 Aufzüge für Lasten von 300 Kilo bis über zweieinhalb Tonnen installiert.

Der gediegen elegante Kasten fährt mit einer Höchstgeschwindigkeit von 8,5 Metern pro Sekunde in 20 Sekunden von Null auf 90. (Die übliche Aufzugsgeschwindigkeit beträgt vier bis sechs Stundenkilometer, hier sind es 30!). Kaum hat man den Sekundenzeiger seiner Uhr geortet, zeigt die Anzeige schon das Ende an: 24. Stock. Der Lift lässt noch nicht einmal den Ohren Zeit, beleidigt zu knistern und zu knacken, und dabei fährt er so sanft und erschütterungsfrei, dass eine am Boden aufrecht stehende Münze nicht umfällt - so behauptet jedenfalls Thyssen-Aufzüge-Geschäftsführer Peter Führmann. (Diesen Test mussten wir uns versagen, ehe man im engen Lift sein Fünf-Mark-Stück hervorgekramt hat, ist der Aufzug am Ziel).

Am Ausgang passiert der Gast zunächst eine kleine Fotogalerie, die an die Anfänge des Vier-Milliarden-Projekts erinnert. Auf einem Bild fröhlicher Menschen gruppieren sich die Architekten Renzo Piano, Hans Kollhoff, Arata Isozaki und die anderen um den früheren Chef von Daimler, Edzard Reuter, der am 16. Juli 1990 den Kaufvertrag für die Brache rund um das einsame Huth-Haus unterzeichnet hatte.

Vom ersten Spatenstich im Herbst 1993 bis zur Eröffnung fünf Jahre danach war die Baustelle mit ihren riesigen Ausmaßen eine öffentliche Angelegenheit. Heute nun blicken wir nicht mehr nur nach oben auf den golden schimmernden Höhen-Abschluss am Potsdamer Platz 1, sondern wir stehen selbst da oben im Freien und blicken in die Straßen und Gassen unter uns. Gestern war es etwas diesig, aber bei klarer Sicht tauchen hinter den Müggelbergen mit dem Müggelturm die Hügel des Barnim auf, an der anderen Seite erheben sich die Anlagen auf dem Teufelsberg. Leicht geht der Wind durch die Gitterstäbe, die auf beiden Aussichtsetagen sicherheitshalber angebracht sind. Über uns erhebt sich ein zwanzig Meter hoher Antennenmast.

Bei Sony blickt man dem schrägen Hut aufs Dach und guckt zu, wie in den durchsichtigen Etagen beim gläsernen Tower die Fußböden verlegt werden - eines Tages werden die Leute vom Vorstand der Deutschen Bahn unter reger Anteilnahme der Ausguck-Touristen ihre Computer bearbeiten...

300 Seh-Leute passen auf beide Aussichtsplattformen: Hier oben wird augenfällig, dass der neue Potsdamer Platz eine gesamtberliner Einrichtung ist. Mauerreste wird man mit dem Fernglas suchen, ansonsten ist dies eine ganze große, weiträumige Stadt mit Hochhäusern, goldverzierten Türmen, grünen Teppichen, bewegten Verkehrsschlangen und ruhig-trägen Wasserläufen. Schön.Der Panorama-Punkt ist ab 15. Dienstag bis Sonntag von elf bis 20 Uhr geöffnet, Montag ist Ruhetag. Eintritt: sechs und vier Mark. Gruppenführungen sind nach Anmeldung unter 030/2266240 möglich. Der Eingang befindet sich in der Alten Potsdamer Straße.

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