Berlin : Zum Jammern

Andreas Conrad

Der Berliner ist zu Standing Ovations durchaus in der Lage, arteigen sind sie ihm nicht. In der Regel gipfelt sein Lob in der trockenen Feststellung: „Da kann man nicht meckern.“ Man sollte sich also einmal vor Augen führen, was der dramatische Rückgang der angemeldeten Protestaktionen für die Identität der Einheimischen bedeutet. Kaum noch Demonstrationen? Das muss man doch so interpretieren, dass es wirklich nichts mehr zu meckern gibt, dass berechtigte Forderungen, machtvoll proklamiert, zur Mangelware werden, dass das schwindende Häuflein der unentwegten Transparent-Schwenker endgültig zum Dasein als kleine radikale Minderheit verdammt ist. Kann man das gutheißen? Als Autofahrer schon, dem nicht länger dahintrottende Kohorten die freie Fahrt versperren, ebenso als Ladenbesitzer, dem nicht mehr Protestgeschrei die Kundschaft verscheucht. Aber ist der demonstrationsmüde Berliner wirklich noch er selbst? Wurde nicht West-Berlin erst durch seine Unruhegeister populär? Was wären wir ohne Rudi & Co., ohne Hausbesetzer, Friedenskämpfer, Skater? Ein Nichts auf der Landkarte des Demonstrationswesens, eine Niemandsland des Protests – ein Jammer ohne Gemecker.

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