Berlin : Zum Kindeswohl raus aus der Familie

Justizsenatorin Schubert will jetzt früher eingreifen, um kriminelle Karrieren Jugendlicher zu verhindern

Katja Füchsel,Werner van Bebber

Von Katja Füchsel und Werner van Bebber

Ken M. fiel bereits als Kind auf, in der Schule und in der Nachbarschaft – doch es geschah nichts. Mit 16 Jahren tötete der Jugendliche schließlich den kleinen Christian aus Zehlendorf. Jetzt will Justizsenatorin Karin Schubert (SPD) dafür sorgen, dass die kriminellen Karrieren der jugendlichen Gewalttäter schon früher unterbrochen werden. „Wir müssen uns darum kümmern, bevor die Kinder 14 und damit strafmündig sind“, sagt Karin Schubert. Sie fordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Jugendämtern, Familiengerichten und Jugendrichtern, um die Kinder, die in besonders problematischen Verhältnissen aufwachsen, früher aus ihren Familien zu nehmen.

Auch Ken M. (Name geändert) war dem Jugendamt seit Jahren bekannt. Doch in Zehlendorf verzichtete man auf eine Familientrennung, weil der Junge damit nicht einverstanden war. Kooperation sei für einen Erfolg unerlässlich, hieß es. Eine falsche Entscheidung, findet die Justizsenatorin: Es sei irrwitzig, auf das Prinzip der Freiwilligkeit zu setzen, wenn Kinder in Familien seelisch verwahrlosen und ihnen weder Werte noch Grenzen vermittelt werden. In diesen Fällen müssten die Jugendämter den Familiengerichten Meldung erstatten, damit diese das Sorgerecht oder das Aufenthaltsbestimmungsrecht entziehen könnten. „Ich habe leider feststellen müssen, dass das so gut wie gar nicht vorkommt“, sagt Schubert.

Der Mordfall Christian Sch. gibt den Ermittlern weiterhin Rätsel auf: So bleibt die Kleidung des Siebenjährigen – ein rotes, so genanntes Muskelshirt mit der Zahl 92 auf der Brust sowie eine rote, knielange Hose – weiterhin verschwunden. Ken M. hatte gestanden, den Jungen am 27. August „aus persönlichem Frust“ erschlagen zu haben. Aber auch „eine sexuelle Komponente“ der Tat schließt die Polizei nicht aus. Ken M. sitzt derzeit in Untersuchungshaft. Da ein Arzt und ein Psychologe eine Suizidgefahr konstatiert haben, steht der Jugendliche unter Beobachtung.

Wenige Wochen vor der Tat hatte Ken M. bei einer Prügelei in einer Tankstelle ein Opfer so geschlagen, dass es zeitweilig in Lebensgefahr schwebte. Ein Haftrichter hatte Ken M. trotz Bewährung von der U-Haft verschont. Später hatte der Richter in einem Interview erklärt, dass ihm nicht die vollständige Akte zu dem Angeklagten vorgelegen hätte. Senatorin Schubert kann das nicht nachvollziehen: „Im Bereitschaftsgericht gibt es jederzeit die Möglichkeit, auf sämtliche Register zuzugreifen.“

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