• Zum Kriegsende in Reinickendorf: "Die Niederlage der NS-Herrschaft war auch ein Geschenk"

Zum Kriegsende in Reinickendorf : "Die Niederlage der NS-Herrschaft war auch ein Geschenk"

Mit einer Kranzniederlegung gedachten die Reinickendorfer des Endes des Zweiten Weltkrieges vor 72 Jahren. Wir dokumentieren die beachtenswerte Rede des BVV-Vorsitzenden Hinrich Lühmann im Wortlaut.

Rosen, Zeichen des Gedenkens. (Symbolbild) Foto: Paul Zinken/dpa
Rosen, Zeichen des Gedenkens. (Symbolbild)Foto: Paul Zinken/dpa

In einer gemeinsamen Veranstaltung haben Bezirksverordnetenversammlung, Bezirksamt und Reinickendorfer Bevölkerung des Jahrestages des Kriegsendes am 8. Mai 1945 gedacht. Am Denkmal in der Straße Am Rathauspark wurden, unter Mitwirkung der Bundeswehr, Kränze niedergelegt. Der Vorsitzende der BVV, Hinrich Lühmann, hielt dabei eine beachtenswerte Rede, die wir an dieser Stelle im Wortlaut dokumentieren.

"Meine Damen und Herren,

Wir gedenken heute des 8. Mai 1945, des Tages, an dem in Europa endlich alle Waffen schwiegen.

Freilich: sie schwiegen zunächst nur in Europa. Der Weltkrieg endete erst am 2. September 1945 – nach den furchtbaren Bomben auf Hiroshima und Nagasaki.

Es endete ein weltweites Schlachten, das von der deutschen, aber auch von der japanischen Aggression ausgelöst worden war. Ausgelöst von der verrückten Vorstellung, die Größe, die Bedeutung, Rang und Wert einer Nation hingen ab von ihrer Macht über andere Völker, von der schieren Größe der beherrschten Fläche. Ausgelöst von der Vorstellung, nicht in der Kooperation der Staaten, nicht im Kompromiss, sondern in der rücksichtslosen Durchsetzung der eigenen, der „nationalen“ Interessen liege das Heil.
Über 110 Millionen Menschen standen unter Waffen. Es starben 65 Millionen Menschen, überwiegend Zivilisten.

Am stärksten betroffen war die damalige Sowjetunion mit etwa 27 Millionen getöteten Menschen, darunter auch mehr als zwei Millionen sowjetischer Soldaten, die erst in deutscher Kriegsgefangenschaft umgekommen sind.

Diese Zahlen sind so gewaltig, so abstrakt, dass wir uns zwingen müssen, sie uns als Einzelschicksale vorzustellen; uns vielleicht auch zu erinnern an Berichte von Zeitzeugen, an Erinnerungen, die wir von unseren Eltern und Großeltern hören konnten. Die zerschossenen Körper, die Verhungernden, die Vergewaltigten, die Versklavten, die umherirrenden Flüchtlinge. Das sind grauenvolle Bilder, wie wir sie nun auch heute wieder Abend für Abend zum Beispiel aus Syrien sehen müssen.

Die Unterzeichnung der deutschen Kapitulation war das Eingeständnis der katastrophalen militärischen Niederlage. Dann offenbarten die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse die moralische Katastrophe.

Mit der Kapitulation ging eine Zeit der Verbrecherherrschaft, des systematischen Verbrechens und verbrecherischer Mittäterschaft: nein, nicht aller, aber zu vieler Deutschen zu Ende. Denn Verbrechen war der deutsche Eroberungs- und dann Vernichtungskrieg. Denn Verbrechen war die Verfolgung von Minderheiten wie der Sinti und Roma während dieses Krieges. Und welch ein Verbrechen war die systematische Ermordung der Juden!

Und deshalb gilt Richard von Weizsäckers Satz von 1985, dass der achte Mai eine Befreiung markiert. Eine Befreiung allerdings nicht allein der unterjochten Völker, sondern auch der Deutschen selbst – nicht nur von der Diktatur der Nationalsozialisten, sondern auch von jener trüben völkischen Denkweise, die ihr Handeln erst möglich gemacht hat.

Der achte Mai markiert zugleich eine Zeitenwende, die erneut für viele Menschen, auch und für uns Deutsche Furchtbares mit sich brachte – sie hatten zu bezahlen, was die Politik der Nationalsozialisten verursacht hatte. Auf Europas Straßen zogen Hunderttausende von entwurzelten und verzweifelten Menschen. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, jener ging in Gefangenschaft. Befreit von der einen Diktatur gerieten ganze Nationen unter die Stiefel der nächsten, der sowjetischen Diktatur. Viele waren einfach nur dafür dankbar, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem nackten Leben davongekommen waren. Andere standen vor dem Scheitern ihrer Illusionen: Was sie als höchste Werte empfunden hatten, war als wertlos entlarvt, ja, als das Böse schlechthin.

Das ist nun mehr als siebzig Jahre her. Das war die Zeit unserer Eltern, unserer Großeltern, unserer Urgroßeltern. Versinkt nicht mit den Jahrzehnten das Geschehene in der Geschichte, im Fluss der Jahrhunderte? Sollen wir das Vergangene nicht endlich ruhen lassen?

Nun, das ist gar nicht möglich. Eine Nation kann sich ihre Geschichte nicht schönschreiben, so wenig wie es ein einzelner Mensch mit seiner Lebensgeschichte kann. Das Kainsmal bleibt.

Vor allem aber: es darf gar nicht sein, dass wir das Vergangene ruhen lassen. Denn die Niederlage der nationalsozialistischen Herrschaft bedeutete auch ein Geschenk für uns Deutsche, ein Geschenk, das uns auch eine besondere Verpflichtung auferlegt.

Jetzt konnten wir wieder zurückkehren zu jenen Werten der Klassik, der Aufklärung, an deren Entfaltung Deutsche mitgewirkt hatten, zu jenen Werten, die unsere eigentliche kulturelle und zivilisatorische Identität gestiftet hatten, bevor ein Hitler sie besudelt hat. Heute ist unser Land fest verwoben mit Staaten jener Werteordnung, die wir auch im Grundgesetz festgelegt haben. Verbindlich wurden auch für uns, und bejaht werden von uns: Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie.

Wieder aufgenommen in den Kreis der zivilisierten Völker, sind wir seitdem unter eine Anforderung gestellt, die nach Innen und nach Außen dem Frieden und den Menschenrechten gewidmet ist. Dies gilt auch für unsere Bundeswehr, die vom Konzept der inneren Führung geprägt ist. Wir wurden ein Gemeinwesen, das – bei allem Versagen im Alltäglichen – im Kleinen wie im Großen sein Handeln nach Werten beurteilt und beurteilen lassen muss.

Wenn wir unter dem Deckmantel und Vorwand einer angeblichen „Normalität“ die Hitlerzeit vergessen, ja, marginalisieren, den Weltkrieg landsermäßig heroisieren, sind diese Werte und ist diese große Aufgabe in Gefahr, werden wieder Mentalitäten und Denkweisen salonfähig, die wir 70 Jahre verpönt hatten. Und dies in einer Zeit, in der jene Not, die wir einst verursacht und dann selbst zu ertragen hatten, unser Land erreicht: Krieg, Vertreibung, Flucht.

Hören wir also den Erzählungen der Zeitzeugen, unserer Eltern, unserer Großeltern genau zu. Informieren wir uns und schweigen wir nicht. Schweigen wir nicht über das Vergangene, schweigen wir nicht heute, wenn die Gestrigen wieder laut werden.
Meine Damen und Herren!

Wir gedenken heute der 65 Millionen Toten des Krieges, wir gedenken aller Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die entrechtet, verfolgt, gequält und ermordet wurden. Wir gedenken der Millionen Juden, die in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden. Aber auch unserer deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger gedenken wir, die nach dem Krieg Flucht und Vertreibung und ein Leben ohne Freiheit ertragen mussten.

Und wir wissen, dass wir Hass und Fremdenhass, dass wir die Verachtung des anderen, nur, weil er anders ist oder anders denkt oder anders lebt oder, ganz aktuell: weil er anders glaubt oder ein Fremder ist, auch in unserem Denken niemals aufkommen lassen dürfen – geschweige denn in unserem Handeln. Wir werden uns dagegen wehren, wo immer wir dieser feindseligen Abgrenzung begegnen.

Ich danke Ihnen, dass Sie an der heutigen Kranzniederlegung teilnehmen! Und ich bitte Sie um eine Gedenkminute für die Opfer des Zweiten Weltkrieges."

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