Zum Lebensabend in die Hauptstadt : Alte Neubürger: Verrückt nach Berlin

Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Das sagt das Sprichwort. Doch immer mehr Menschen ziehen im Alter nach Berlin. Wegen Kindern, Enkeln, Kultur und Abenteuer. Nicht alle finden das Glück, das sie suchten.

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Zwei Zimmer Altbau, kleines Idyll. Doch ganz heimisch ist Marianne Epple (83) in Prenzlauer Berg noch nicht geworden. "Alle sind jung, schlank und dunkel angezogen."
Zwei Zimmer Altbau, kleines Idyll. Doch ganz heimisch ist Marianne Epple (83) in Prenzlauer Berg noch nicht geworden. "Alle sind...Foto: Thilo Rückeis TSP

Sie ist nie wieder dort gewesen. Hat keinen Blick mehr in den alten Bauerngarten geworfen, den sie so vermisst. Nicht nachgesehen, was sich hinter den Fenstern tut, die einst zu ihrem Lädchen gehörten. Marianne Epple hat ihr langjähriges Zuhause kein weiteres Mal aufgesucht, seit sie es vor bald sechs Jahren verlassen hat. Nicht, weil ihr diese Reise zu beschwerlich wäre oder sie lustlos geworden – im Gegenteil: Sie ist ja ständig unterwegs! Besucht Museen, Ausstellungen, Basare und Sprachkurse.

Aber wenn man irgendwo neu anfängt, sagt Marianne Epple, 83 Jahre alt, dann soll man auch ganz neu anfangen.

„In Berlin“, sagt sie, „wurde ich gebraucht.“ Hier lebt die Tochter, alleinerziehend und freiberuflich arbeitend, mit der Enkelin, die sieben Jahre alt war, als ihre Großmutter eine große Entscheidung traf. Heute ist sie 13. In ihrer alten Heimat dagegen brauchte Marianne Epples Hilfe plötzlich niemand mehr. 53 Jahre lang waren sie verheiratet gewesen, da starb ihr Mann. Und mit einem Mal spürte sie die Wucht dieses Hauses, 100 Quadratmeter Grundfläche, mal sechs Etagen, wenn man das Geschäft, Keller und Dach dazuzählt, so schön, das alles, in jahrelanger und liebevoller Detailarbeit gestaltet, so erdrückend, schlagartig. Ob sie diese Entscheidung auch so getroffen hätte, wenn die Tochter nicht in Berlin gelebt hätte? Marianne Epple lächelt nur.

Sie hat Hohenlohe, eine sehr ländliche Region in Baden-Württemberg, eingetauscht gegen den Prenzlauer Berg. Zwei Zimmer im Hinterhaus, drei Billy-Regale.

Berlin ist jung, wild, voller Dynamik. Und deswegen ist auch Marianne Epple jetzt hier, genau wie Rosemarie und Knut Grotrian-Steinweg und Dieter Steen und seine Frau Michiko und Barbara und Siegesmund von Ilsemann. Sie alle sind mit über 60, über 70 oder fast 80 hergekommen – sieben Lebenswege, vier Perspektiven, ein Fluchtpunkt: Berlin.

Sie kamen, weil jemand auf sie wartete. Seit Jahrzehnten hat Berlin Menschen angezogen, Künstler, Exzentriker und Studenten, meistens jung. Du bist verrückt, mein Kind, Du musst nach Berlin – noch immer ziert der Spruch Postkarten in den Drehständern am Rand der Touristentrampelpfade. Doch die jungen Verrückten des Nachwende-Berlins sind inzwischen erwachsen geworden. Sie haben sich zusammengetan, sind hiergeblieben, auch der guten wirtschaftlichen Entwicklung wegen, haben eigene Kinder bekommen. Und auf einmal ist Berlin nicht mehr nur Hauptstadt der Suchenden, der Individualisten, sondern Nachzugsgebiet vieler, die damals daheimgeblieben sind. Sammelbecken zahlreicher Familien.

Die Kinder kehren nicht mehr zurück

Einst war es doch so, sagt Marianne Epple, kurzer weißer Pony, Brille, ein sehr waches Gesicht mit neugierigen Augen: Die Kinder gingen zum Studieren fort, sie kehrten in ihren Geburtsort zurück, übernahmen das Geschäft der Eltern und bauten sich ein Häuschen am Ende der Straße. Immer häufiger zieht heute die ältere Generation der jungen hinterher, in die Großstadt – zum Beispiel nach Berlin. Noch ist die bedeutendste Gruppe der Neuberliner zwischen 20 und 30 Jahre alt. Aber danach kommt bereits die der über 65-Jährigen, und sie wird stärker. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller prognostiziert, dass bis 2030 allein 200.000 Menschen, die älter als 65 sind, aus allen Landesteilen in die Hauptstadt umsiedeln werden.

Die Renaissance der Städte ist ein oft zitierter Begriff. Er meint, dass auch ältere Menschen wieder die Nähe der großen Innenstadtbereiche suchen, wegen der besseren Infrastruktur, der gesicherten ärztlichen Versorgung. Doch das Phänomen ist damit nicht hinreichend erklärt. Andreas Knie, Soziologe von der TU Berlin, beschreibt die Rentner, die nach Berlin strömen, so: „agile, meist westdeutsche Menschen, die finanziell unabhängig, hochintellektuell, politisch gebildet und in der Regel linksliberal eingestellt sind“.

Berlin, deine 50er Jahre
Potsdamer Platz, 1958. "Sie verlassen jetzt West-Berlin".Weitere Bilder anzeigen
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10.10.2016 12:04Potsdamer Platz, 1958. "Sie verlassen jetzt West-Berlin".

Viele, nein: die allermeisten haben erwachsene Kinder in der Stadt. Es ist kein Zufall, dass das Umzugsunternehmen Zapf auf seinen Lkws mit dem Slogan wirbt: „Ziehen Sie nach Berlin, Ihre Kinder sind schon da.“ Nach 1989 kamen besonders viele dieser Kinder, junge Menschen im Aufbruch, in eine Stadt im Aufbruch. Wollten sie neu gestalten und sich selber gleich mit. Die Freiheit, sich selbst zu verwirklichen oder es zumindest zu versuchen, konnten viele sich auch deshalb leisten, weil ein großzügig denkendes und finanziell solides Elternhaus dahinterstand. Jetzt steht das finanziell solide Elternhaus vor der Tür. Wir sind dann mal da: eine Gentrifizierung in zwei Wellen.

Die Stadtentwicklungsverwaltung will mehr barrierefreie Wohnungen schaffen. 100.000 zusätzliche braucht es mindestens, heißt es. Marianne Epples Wohnung liegt im Erdgeschoss. Nun wird für andere hier ein Fahrstuhl angebaut. Und im Haus fürchten einige, dass die Miete steigt.

„Der größte Vorteil des Alters ist die Freiheit, zu tun und zu lassen, was man will“, sagt Marianne Epple entschieden. „Auf dem Land kann man nicht alles leben.“ Als ihr Umzugswagen 2009 mit dem bisschen, das sie nicht verkauft hatte aus ihrem Haus und dem Antiquitätenladen, einer Haubenpuppe, Stoffbär Friedrich mit dem rot karierten Hemdchen und Katze Trixie in die Hufelandstraße einbog, gehörte sie zu den ersten Vorboten einer neuen Generation. Der Wunsch nach Teilhabe am Familienleben lockt die Älteren, aber auch der nach gesellschaftlicher Teilhabe. Nach Berlin kommt niemand, der unbehelligt seinen Lebensabend verbringen will. Berlin ist, wenn man so will – und viele wollen –, ein Unruhesitz.

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