Berlin : Zum Sandpoeten der Mark

Radpartie 9 ins Barnimer Land: Hier verliebte sich Dichterpfarrrer Friedrich Schmidt um 1800 in den Ort Werneuchen und reimte munter drauflos. Goethe verspottete ihn, aber das verunsicherte den Geistlichen nicht. Er hatte viele Verehrer und war eine bescheidene Natur.

Carl-Peter Steinmann

O wie freut es mich, mein Liebchen,

Dass du so natürlich bist,

Unsre Mädchen, unsre Bübchen

Spielen künftig auf dem Mist.

Diesen ungewöhnlichen Vers konnte man um 1800 in Schillers Musenalmanach lesen. Der Verfasser war ein gewisser Herr von Goethe aus Weimar, der damit aber nicht eine Probe seiner eigenen Dichtkunst abgab, nein, er verspottete einen Kollegen aus der Mark Brandenburg. Die Bezeichnung „Kollege“ hätte Goethe vermutlich die Zornesröte ins Gesicht getrieben, denn mit diesem „Sandpoeten“ auf eine Stufe gestellt zu werden, wäre ihm sicher zu weit gegangen.

Der als „Sandpoet“ titulierte hieß Friedrich Wilhelm August Schmidt und war seit einem Jahr Pfarrer in Werneuchen, einer kleinen Stadt im Barnim. Heute führt von Börnicke ein Plattenweg dorthin, fünf Kilometer lang zwischen Wiesen und Feldern, die fast bis zum Horizont reichen. Ab und zu taucht zwischen Bäumen eine Kirchturmspitze auf, doch sie entschwindet wieder den Blicken.

Im Ort zeigt sich die stattliche Kirche dann in ihrer vollen Größe. Der rechteckige Chor gehörte zu einem im Mittelalter aus Feldsteinen errichteten Vorgängerbau. Ausflügler picknicken im Sonnenschein vor dem Gotteshaus und studieren die Inschriften zweier Gräber. Vom Friedhof, den Fontane in seinen „Wanderungen“ beschreibt, sind nur diese beiden erhalten geblieben:

Zum einen das Mausoleum, erbaut für den Hugenotten Petijon, der einmal die Posthalterei im Ort besaß und es zu gewissem Wohlstand brachte. Neugierige drängeln sich vor dem kleinen Fenster in der Mausoleumstür, aber dahinter entdecken sie keine prunkvollen Särge – nur Gartengeräte und Schubkarren. Im zweiten Grab, nur wenige Meter entfernt, liegt der Dichterpfarrer. Man hat Mühe, die verwitterte Inschrift auf seinem Eisenkreuz zu entziffern: „F. W. A. Schmidt, Prediger zu Werneuchen und Freudenberg, geboren den 23. März 1764, gestorben den 26. April 1838“. Auf der Rückseite des Kreuzes heißt es: „Ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“

Friedrich Wilhelm August Schmidt wurde in Fahrland bei Potsdam geboren. Da sein Vater früh verstarb und die Mutter häufig krank war, kam der Junge ins Schindlersche Waisenhaus in Berlin. Nach der Schule studierte er Theologie in Halle, anschließend kehrte er nach Berlin zurück, um die gerade frei gewordene Stelle als Prediger am Berliner Invalidenhaus anzutreten. Sein Einkommen war nicht hoch, aber sicher. Also konnte er heiraten und eine Familie gründen.

Als er die Werneuchener Pfarre angeboten bekam, war Schmidt gerade 32 Jahre alt. Und weil er die Natur über alles schätzte, verließ er leichten Herzens Berlin und zog mit Frau und Kindern in das Pfarrhaus bei der Kirche. Heute erinnert eine über dem Eingang des Hauses angebrachte Gedenktafel an ihn.

Schmidt liebte seine Familie, seine Arbeit als Seelsorger in dieser Kleinstadt und mit großer Leidenschaft die Dichtkunst. Es verging kaum ein Tag, an dem er nicht einige Verse zu Papier brachte, die oft gefühlvoll, manchmal etwas rührselig, aber auch ungewollt komisch klingen.

Wenn vor des Pfarrhofs kleinen Zellen

Nun bald die Lindenknospen schwellen,

Wenn Vögel in dem Ahorn hecken

Die weißen Eierchen verstecken,

Dann kommst du, unseres Glückes froh

Im Hute von geflochtenem Stroh,

Zu atmen hier voll Veilchenduft

Werneuchens reine Frühlingsluft.

Wahrscheinlich wäre seine Poesie nie über Brandenburgs Grenzen hinausgedrungen, hätte sich nicht Dichterfürst Goethe über ihn lustig gemacht.

Erst etliche Jahrzehnte später ließ Theodor Fontane dem Sandpoeten liebevoll Gerechtigkeit wiederfahren. Er widmete ihm und Werneuchen in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ ein Kapitel, in dem er schreibt: „Die Angriffe die sein Dichten erfuhr, machten keinen Eindruck auf ihn, ergötzten ihn viel mehr. Es lag wohl darin, dass er eine durch und durch bescheidene Natur und niemals von dem eitlen Vermessen erfüllt war, neben den Heroen jener Zeit auch nur annähernd als ebenbürtig dastehen zu wollen. Er wollte wenig sein, aber dass er dies wenige wirklich war, davon war er fest überzeugt.“

Fontane war allerdings der Meinung, dass der freundliche Pfarrer doch etwas zu viel des Guten tat, als er in nur sechs Jahren fünf große Gedichtbände mit seinen Versen füllte. Schmidt muss zu Lebzeiten viele Verehrer gehabt haben, da alle Erstausgaben in stattlicher Auflage ausgeliefert wurden. Außerdem waren die ersten beiden Bände von keinem Geringeren als Daniel Chodowiecki, dem Direktor der Akademie der Bildenden Künste, illustriert worden. Chodowiecki hatte auch Erstausgaben von Lessing, Goethe, Schiller und Klopstock mit Stichen und Radierungen versehen. Sollte da der Weimarer Geheimrat ein wenig eifersüchtig gewesen sein?

Der Dichterpfarrer jedenfalls reimte munter weiter und widmete seinem Städtchen so manchen verzückten Vers – gespeist aus seiner Liebe zur märkischen Natur und Tradition. Schließlich reicht Werneuchens Geschichte bis ins 13. Jahrhundert zurück, als das Fürstengeschlecht der Askanier dort einen militärischen Stützpunkt errichtetet hatte. Ähnlich verlief die Historie auch 15 Kilometer östlich, in Strausberg – der „grünen Stadt am See“, so die dessen touristische Werbung.

Bei Strausberg überquerte ein Handelsweg die schon zu slawischer Zeit befestigten Barnimhöhen. Es gab eine Burg auf einem Hügel am See und eine Kaufmannssiedlung. Erst unter den Askaniern erhielten die Strausberger das Stadtrecht. Aber die schnell errichtete Stadtmauer, von der noch Teile erhalten sind, konnte Strausberg nicht schützten.

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts fiel Raubritter Dietrich von Quitzow zweimal innerhalb von nur zwei Jahren über die Stadt her. Dreißig Jahre später, im „Hussitensturm“ brannte ganz Strausberg nieder. Und Wallensteins Überfall im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) ruinierte Strausberg erneut.

1765, nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges, kam einmal König FriedrichII. in die Stadt und stellte erstaunt fest: „Ich habe nie gedacht, dass ich in meinem Lande ein so gottverfluchtes Drecknest habe.“ Trotzdem war er gezwungen, im Ort zu übernachten, musste aber sein Zimmer wegen eines qualmenden Herdfeuers bald verlassen. Er soll es der Stadt nie vergessen haben, dass er „in dem Loch ausgeschmaucht“ wurde.

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