Berlin : Zum Saumagen nur Saumagen

Oase vinophiler Tradition: Doppeljubiläum in den Kurpfalz-Weinstuben

Bernd Matthies

Schwere Eichenmöbel, ringsum Holztäfelung, Weinfässer, seltsame Beleuchtungskörper mit Gnomen und Hexen, geschnitzt aus Rebwurzelholz: So haben Weinstuben ausgesehen, bevor die Enoteca erfunden wurde. Doch die Kurpfalz-Weinstuben am Adenauerplatz (Wilmersdorfer Str.93) werden auch künftig nicht umgestaltet. „Wenn ich hier nur einen Nagel von der Wand nehme“, sagt Rainer Schulz, Wirt und Küchenchef in Personalunion, „dann fällt das alles zusammen." 70 Jahre gibt es den einst von einem Thüringer Fleischermeister gegründeten Betrieb, und seit exakt 30 Jahren hat Schulz das Sagen.

Am Sonnabend feiert er diesen Hunderter von 14 bis 21 Uhr mit einem Hoffest; am Freitagabend kommen geladene Gäste, die beweisen, dass Schulz zwar eine altmodische Weinstube betreibt, aber mit seinen Weinen auf der Höhe der Zeit ist: die deutschen Winzer Bernd Philippi, Alexander Michalsky und Reinhard Löwenstein, dazu der Weinautor Stuart Pigott, der als Stammgast gelten darf.

In diesen historischen Räumen, die schon von Cees Nooteboom im Roman „Allerseelen“ verewigt wurden, hat sich eine Schutzgemeinschaft des deutschen Rieslings gegründet. Schulz, inzwischen Mitte 60, liebt wie alle Kenner vor allem die gereiften Exemplare. Modetrinker, die am liebsten schon jetzt den 2005er probieren würden, sind ihm suspekt, dem Beaujolais Primeur und dem Federweißen hat er vor langer Zeit abgeschworen. Gäste, die sich damit nicht abfinden wollen, bekommen seine charmante hanseatische Strenge zu spüren. Einzige Konzession an alte Gewohnheiten sind die gefürchteten Römergläser mit dem grünen Fuß, aus denen er selbst freilich nie trinken würde.

Das kulinarische Programm steht ebenfalls für eine kleine Ewigkeit. Hit ist der hausgemachte Saumagen, zu dem nur Anfänger nicht den obligatorischen Wein ordern: einen Kallstädter Saumagen Riesling Kabinett trocken von Bernd Philippi. Es handelt sich um das Kurpfalz-Basisgedeck, dem Eingeweihte nach ein paar Gläsern unweigerlich einen Portwein von Dirk Niepoort mit Stilton-Käse folgen lassen. Daran wird sich so bald auch nichts ändern. Schulz ignoriert das Rentenalter entschlossen – und macht weiter, so lange er Lust hat.

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