• Zum Tod des ehemaligen Außenministers: Hans-Dietrich Genscher - ein Liebling der Ostdeutschen

Zum Tod des ehemaligen Außenministers : Hans-Dietrich Genscher - ein Liebling der Ostdeutschen

Er wurde berühmt durch einen Satz in der Prager Botschaft. Und er blieb von Herzen ein Hallenser. Erinnerungen an einen westdeutschen Politiker, der auch nach der Einheit die Ostdeutschen bewegte.

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Ex-Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher im April 2009 vor seinem Geburtshaus in Halle (Saale).
Ex-Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher im April 2009 vor seinem Geburtshaus in Halle (Saale).Foto: Jan Woitas/dpa

Es ist der Moment, in dem jeder Ostdeutsche noch immer weinen kann vor Glück und nachträglicher Rührung. Der Moment, als Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989 auf dem Balkon der Prager Botschaft steht - vor ihm Tausende aus dem immer enger werdenden halben Deutschland geflüchtete DDR-Bürger, die hier seit Tagen campierten, um rauszukommen in den Westen; dicht gedrängt im Schlamm, mit Angst und Hoffnungen im Kopf.

Noch heute kann jeder Ostdeutsche - egal ob er in diesen dramatischen Tagen des Umbruchs einer der Hierbleiber in der DDR war, die mutig auf die Straße gingen (oder lieber zu Hause abwarteten, was die sich selbst überholenden Wendetage noch alles bringen würden) oder sogar einer der Abhauer - jeder, egal wie er zu diesem untergehenden Land stand, kann diesen seinen Satz auswendig sagen, den Genscher den Menschen in dieser historischen Prager Nacht zurief: "Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..." Yaaaaaaaahhhhhhhhhh! Der Rest sind Schreie des Glücks und der Erleichterung.

Sein Geburtshaus erinnert in Halle an ihn

Es ist dieser Jubelschrei, der Genscher unsterblich gemacht hat in seiner alten Heimat. Denn auch das war Genscher: ein Hallenser von Herzen. Das wusste selbst Erich Honecker; einmal gab der mit Bezug auf Genscher eine ironische Selbstbeschreibung der Einwohner Halles zum Besten: "Hallenser, Halloren, Halunken". Der DDR-Staats- und Parteichef musste es wissen - seine Frau Margot, die im Volk verhasste Volksbildungsministerin, kam auch aus Halle.

Am Rande der Stadt steht noch Genschers Geburtshaus, frisch renoviert von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung. Manchmal finden hier Lesungen und Diskussionen statt; eine kleine, feine Ausstellung würdigt hier seine Stationen auf dem Weg zur deutschen Einheit: als um die Welt jettender Außenminister, der im gelben Pullover die Details der Einheit aushandelte. An der Seite von Helmut Kohl, der in Sachsen mit Deutschland-Fahnen gefeiert und in Berlin mit Eiern beworfen wurde.

Genscher war einer der wenigen westdeutschen Politiker, der auch nach der Einheit im Herzen bei den Ostdeutschen blieben. Die FDP insbesondere in Sachsen-Anhalt profitierte noch viele Jahre davon, dass er gerne ab und zu in eine süße Halloren-Kugel biss und wirkliches Verständnis für die Sorgen der Ostdeutschen zeigte.

Nun ist Hans-Dietrich Genscher gestorben. Sein gelber Pullover der deutschen Einheit wird weiter leuchten.

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