Berlin : Zum Weghören

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Der Schriftsteller Karl Philipp Moritz, ein Zeitgenosse Goethes, der in Berlin Lehrer am Gymnasium zum Grauen Kloster und dann Professor der Altertumskunde an der Akademie der Künste war, ging immer zu Hause, wie man in seinem autobiografischen Roman „Anton Reiser“ lesen kann. Uns würde es nicht einfallen, zu Hause zu gehen; wir gehen nach Hause. Nun ja, was früher sprachlich richtig war, ist heute falsch. Nur kann man nicht jeden Unsinn damit erklären, dass sich jede lebendige Sprache ständig wandelt.

Mit dem Wörtchen „zu“ wird allerlei Unsinn getrieben. „Wie erklärt sich der Senat die gehäuften Beschwerden und Petitionen von Menschen mit Behinderungen, insbesondere zum Sonderfahrdienst für Behinderte?“, wollte der Abgeordnete Gregor Hoffmann (CDU) in der Fragestunde des Abgeordnetenhauses wissen. Das hört sich scheußlich an, direkt zum Weghören. Was bitte sind Beschwerden zum Sonderfahrdienst für Behinderte? Man kann sich über etwas beschweren, über eine Institution oder Person, aber weder zu jemandem noch zu etwas. Man freut sich ja auch nicht zu den Sommerferien oder zu einem Geschenk, sondern auf die Ferien und über das Geschenk. Wenn hingegen ein Politiker zu einem bestimmten Thema redet, bedeutet es nicht, dass er sämtliche Aspekte dieses Themas beleuchtet.

Als Präposition wird zu räumlich oder zeitlich benutzt oder bezeichnet die Art und Weise, in der etwas geschieht. Sie ging zum Rednerpult. Das Gesetz tritt zum 1. Januar in Kraft. Zum Ärger seiner Fraktion erschien er nicht zu der wichtigen Abstimmung. Doch wie nicht nur die Beschwerden zum Fahrdienst zeigen, verirrt sich das Wörtchen zu öfter. „Gleichwohl bezeichneten Experten bei der Anhörung der ersten Stufe zur Föderalismusreform...“ las ich in der Zeitung. Da die Anhörung einer Stufe keinen Sinn ergibt, war wohl die Anhörung über die erste Stufe oder zur ersten Stufe der Föderalismusreform gemeint. „Trotz einer Einigung zum weiteren Verfahren blieben beide Seiten bei ihrer unterschiedlichen Wortwahl“, wurde neulich nach der Sitzung des Koalitionsausschusses von CDU/CSU und SPD in der Presse berichtet. Du liebe Güte, die Koalitionspartner werden sich doch wohl klar auf das weitere Verfahren verständigt haben. Zum Verfahren: Das klingt, als seien noch Verfahrensfragen offen.

Ach ja, man muss schon aufpassen, dass das Wörtchen zu nicht für undeutliche Aussagen missbraucht wird.

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