Berlin : Zunehmend heiter

Die Wolken hängen nicht mehr so tief über Hoppegarten: Der Aufwärtstrend ist trotz sinkender Besucherzahlen nicht zu übersehen

Ingo Wolff

Hoppegarten. Dunkle Wolken hängen über der Galopprennbahn Hoppegarten. Jeden Moment kann es zu regnen anfangen, und die Nacht ist auch nicht mehr weit entfernt. Alte Wettscheine liegen verteilt auf der Tribüne und auf den Schotterwegen zwischen den Wettschaltern. Weggeworfenes Glück. Der Wind wirbelt die Papierfetzen ein letztes Mal auf. Sie fliegen über den Platz. Viele sind zerknüllt, wenn ihre Besitzer viel auf sie gesetzt, oder nur gefaltet, wenn die Hoffnung schon im nächsten Rennen lag. Jetzt, nach dem achten Lauf, kommt die Zeit der Reinigungskräfte, die mit ihren Besen alle liegen gebliebenen Hoffnungen wieder zusammenfegen. Sie tun dies ein letztes Mal, denn dieser 15. Renntag in Hoppegarten war auch der letzte in diesem Jahr.

Geschäftsführer Günther Gudert ist froh, dass er seinen Regenschirm nicht auspacken musste. Dieses Glück hatte er nicht oft in dieser Saison. „Wenn neun von 15 Veranstaltungen verregnet sind, wirkt sich das natürlich negativ auf die Besucherzahlen aus“, sagt Gudert. Pro Renntag sind nur 6200 Zuschauer gekommen, rund 300 weniger als ein Jahr zuvor. Ansonsten ist der Hamburger aber mit dem ersten Jahr unter dem neuen Vorstand um Präsident Peter Boenisch sehr zufrieden. Denn die Besucherzahl ist das Einzige, was in diesem Jahr in Hoppegarten rückläufig war. Im Durchschnitt konnte der Union-Klub einen Starter pro Rennen mehr registrieren. Bei insgesamt 130 Rennen ist das respektabel und wirkt sich auch auf den Wettumsatz aus. „Wir sind die einzige deutsche Rennbahn, die den Umsatz pro Rennen steigern konnte." Insgesamt summiert sich damit der Umsatz auf 3,8 Millionen Euro, fast eine Million mehr als im Vorjahr. Damals gab es aber auch nur zwölf Veranstaltungen. „Das ist mehr als nur ein positiver Ansatz", sagt Gudert und bezieht das auf die Fast-Pleite im vergangenen Jahr. Damals stand der Union-Klub von 1867 kurz vor dem Bankrott, die Lizenz für das Rennjahr wurde kurzzeitig entzogen und er stritt sich zusätzlich mit der BVVG – einer Nachfolgegesellschaft der Treuhandanstalt – um das Grundstück der Rennbahn.

Diese Streitereien sind inzwischen ebenso vergessen wie es die finanzielle Schieflage im letzten Jahr ist. Die positive Entwicklung verdanken die Bahn und der Union-Klub vor allem dem neuen Kurs, den Peter Boenisch vorgibt. Mit seiner offensiven Öffentlichkeitsarbeit, seinen guten Kontakten zu finanzkräftige Sponsoren und namhaften Politikern und neuen Ideen für die Renntage – wie die Wiedereinführung von sechs Hindernisrennen sowie eine Kooperation mit den Trabern und den daraus resultierenden vier Trabrennen in Hoppegarten – hat die Bahn neuen Glanz gewonnen. Die großen Trainer aus den Ställen im Westen Deutschlands haben die Bahn nicht mehr geschnitten und zu den großen Renntagen hervorragende Pferde geschickt, was wiederum namhafte Jockeys nach Hoppegarten locken konnte. Erstmals seit Jahren ging auch wieder der Championjockey an den Start, und in diesem Jahr kam Andrasch Starke – trotz seiner sechsmonatigen Sperre wegen Dopings – sogar mehrfach zu der so genannten Parkbahn im Grünen.

Für Boenisch ist das eigentliche Ziel aber noch nicht erreicht. „Wir wollen hier Hauptstadtsport bieten, davon sind wir noch eine Elle entfernt. Ich bin erst mal zufrieden, dass alle Renntage stattgefunden haben", sagt der 72-Jährige ungewohnt bescheiden. Für seine Ziele im nächsten Jahr möchte Boenisch die laufenden Verhandlungen mit den Sponsoren abwarten. „Wenn alle Blütenträume reifen, dann stehen wir im nächsten Jahr sehr gut da." Problematisch erscheint derzeit nur noch die Situation im Trainingszentrum Hoppegarten. Die ansässigen Trainer fallen bei der derzeitigen Entwicklung ein wenig hinten runter. Nimmt man für die nächste Saison noch die Reduzierung von 15 auf 13 Renntage hinzu – bei gleichzeitig weiter steigenden Rennpreisen –, dürfte es für die Hoppegartener Trainer im nächsten Jahr noch schwerer werden, sich gegen die übermächtige Konkurrenz aus dem Westen zur Wehr zu setzen. Bei höheren Rennpreisen lohnt sich für diese selbst die aufwändige und weite Reise von Köln, Bremen und Mülheim nach Berlin.

Das selbst gesetzte Ziel, einen Toptrainer nach Berlin zu holen, sei derzeit aber utopisch. „Erst einmal müssen wir die Rennen hoch dotieren und so attraktiv machen, damit die Ställe aus Westdeutschland kommen", sagt Boenisch. Nur das würde die Sponsoren, Zuschauer und die Medien anlocken, und erst dann könne er sich mit einem gesicherten Rückhalt auch um den Ausbau des Hoppegartener Trainingszentrums kümmern. „Im Moment können wir kein Geld in die Ställe stecken, aber die Trainer hier profitieren langfristig auch von der Entwicklung", sagt Boenisch. Und insgesamt sei die Entwicklung ja durchaus positiv.

Am Jahresanfang hatte ein Mitglied des Union-Klubs nach der knapp vermiedenen Katastrophe noch prophezeit: „In diesem Jahr ziehen wir einfach die Wolken weg, und alle klatschen." Die Wolken sind immer noch da, aber sie hängen nicht mehr so tief.

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