Zungunglück in Karow : Das Signal stand auf Grün

Ein Kesselwagen der Bahn mit hochexplosiver Fracht wird beim Auffahrunfall mit einem Regionalexpress nur leicht beschädigt. Den Personenzug erwischt es deutlich schlimmer. Insgesamt gibt es bei dem Unglück 13 Verletzte.

Klaus Kurpjuweit,Claus-Dieter Steyer
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Zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres ist die Bahn bei einem Unfall in Berlin an einer Katastrophe vorbeigekommen. In der Nacht zum Freitag war in Karow ein Regionalexpress auf einen Güterzug aufgefahren, dessen Kesselwagen hochexplosives Propen sowie Propan und Butan geladen hatten. Während die Lokomotive schwer beschädigt wurde, entstand am hinteren Kesselwagen nur geringer Schaden. Im Regionalexpress erlitten alle 22 Fahrgäste sowie der Lokführer und die Zugbegleiterin leichte bis schwere Verletzungen. Bei einem Unfall mit einem mit Propen gefüllten Tanklastwagen waren 1978 in Spanien 217 Menschen ums Leben gekommen; über 300 wurden verletzt. Bereits im Oktober hatte es in Berlin einen Auffahrunfall mit zwei Regionalbahnen gegeben, die zum Glück ohne Fahrgäste unterwegs waren. Wie es Donnerstagnacht zu dem Unfall kommen konnte, ist noch nicht geklärt.

Zehn Fahrgäste sowie der Zugführer und die Zugbegleiterin des zwischen Schwedt (Oder) und Wünsdorf-Waldstadt verkehrenden Regionalexpresses wurden nach dem Unglück in Kliniken stationär behandelt. Zwei Passagiere mit schweren Prellungen und Brüchen sowie der Zugführer befanden sich am Freitagabend noch im Krankenhaus Buch, alle anderen Verletzten wurden inzwischen entlassen. Der Lokführer musste von der Feuerwehr mit großer Mühe aus dem völlig eingebeulten Führerhaus befreit werden; er erlitt mehrere Knochenbrüche.

Der Regionalexpress mit seinen Doppelstockwagen war rund 500 Meter südlich vom Bahnhof Karow auf einen Güterzug mit 24 Kesselwagen geprallt. Ob der Güterzug stand oder fuhr, konnten die Ermittler am Freitag noch nicht sagen. Im Normalfall hätte der Regionalexpress an einem Halt zeigenden Signal stoppen müssen, weil sich zwischen den Signalen immer nur ein Zug befinden darf. Nach bisherigen Erkenntnissen habe der Lokführer keinen Fehler gemacht, auch an den Fahrzeugen habe es keine Mängel gegeben, sagte Ralph Fischer vom Eisenbahnbundesamtes. Das Signal sei auf Grün gestellt gewesen.

Bei der Untersuchung konzentriere man sich deshalb darauf, ob es einen Fehler in der Technik oder im Betriebsablauf der Bahn gegeben habe, sagte Fischer weiter. Auch Unterlagen beim Fahrdienstleiter seien beschlagnahmt worden, sagte Meik Gauer von der Bundespolizei. Zum Vermessen der Unfallstelle war zudem ein Hubschrauber im Einsatz.

Der Unfallort am Karower Kreuz gilt als Nadelöhr im Berliner Streckennetz. Abschnittsweise gibt es dort nur eingleisigen Betrieb. Zudem wechseln Züge über Verbindungskurven von der sogenannten Stettiner Bahn auf den Berliner Außenring. Signale und Weichen werden am Karower Kreuz noch durch ein Stellwerk bedient; der Abschnitt ist bisher nicht an ein elektronisches Stellwerk angeschlossen. Beim Ausbau der Stettiner Bahn Richtung Bernau vor wenigen Jahren war das Karower Kreuz nicht erneuert worden. Der Umbau ist aber geplant.

Wann der Lokführer des Regionalexpresses den Güterzug gesehen hat, steht noch nicht fest. Rote Schlusslichter an Güterzügen hat die Bahn abgeschafft; gesichert sind die letzten Wagen nur noch durch Warntafeln. Der Aufprall ist nach bisherigen Erkenntnissen bei geringem Tempo erfolgt. Trotzdem ist sogar die Rückseite der Elektrolok verbeult worden. Hier drückten die Personenwagen mit voller Wucht dagegen. Die Lok und der erste Wagen hinter ihr entgleisten. Sie mussten mit einem Spezialkran wieder aufs Gleis gehoben werden. Weil auch die Schinen stark beschädigt sind und erst repariert werden müssen, war gestern Abend noch ungewiss, ob der Bahnverkehr Sonnabend früh wieder rollen kann.

Fahrgäste im Regionalverkehr mussten auf die S-Bahn oder Busse ausweichen; im Fernverkehr wurden die Züge über Neubrandenburg umgeleitet. Der S-Bahn-Verkehr war nur nachts unterbrochen.

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