Zur Eröffnung des Bikini Berlin : Im Niveau nach unten

Shopping-Center, wo man geht und steht. Mit der Eröffnung des Bikini Berlin erinnert sich unsere Kolumnistin an ihre Eltern und denkt über ihren eigenen Konsum nach.

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Mit dem Bikini Berlin hat Berlin nun 68 Shopping-Center.
Mit dem Bikini Berlin hat Berlin nun 68 Shopping-Center.Foto: dpa

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Die Regelmäßigkeit und die alltäglichen Rituale geben dem Leben Struktur, und der Mensch versucht alles, damit sich möglichst wenig daran ändert. Besser sicher im Rudel mitlaufen, als an der Spitze Neuland zu erkunden. Erst, wenn sich Umstände drastisch ändern, kommt zum Vorschein, warum wir zwei Millionen Jahre Evolution überlebt haben.

Wir passen uns an, oder machen uns die Zustände zur Not auch mit Gewalt passend. Keine Sorge, ich bin nicht unter die Soziologen gegangen. Ich habe nur ein wenig über meine diversen Lebenssituationen in Berlin nachgedacht. Der Anlass war die Eröffnung des „Bikini Berlin“ in der Budapester Straße, dort im betonierten Charme der funktionalen Nachkriegsarchitektur der von Mauern umzingelten Insel des freien Westens.

Alles bleibt beim Alten

Meine Stationen führten über Moabit nach Mitte und von dort nach Charlottenburg. Angezogen vom Hype der Wende, habe ich die Boom-Zeiten mitgemacht, bis mich die Gentrifizierung in den Westen der Stadt katapultierte. Hier lebe ich nun, angekommen und doch nicht angenommen. Irgendwie integriert, aber nicht involviert. Meistens dabei, aber nicht mittendrin. Die Gewohnheit hat auch mich fest im Griff.

Obwohl wir Kinder schon alle aus dem Haus sind, besitzen meine Eltern immer noch einen XXL-Kühlschrank. Meine Mutter kocht, backt, legt ein, macht ein und werkelt, als ob sie immer noch eine Horde Heranwachsender durchfüttern müsste – sie ist es so gewohnt. Mich grüßt jeden Tag die gepflegte Leere meiner Kühlbox, deren Inhalt fast ausschließlich die Lieblingsprodukte der Mahlzeiten meiner Tochter beherbergt.

Ich bin auf kalorienreduziertes Not-Essen und Business-Lunch konditioniert. Dabei bieten mir die 68 Einkaufszentren der Stadt eine Schnittmenge der von der Marktforschung vorgegebenen Konsumkulisse, die Institute ermittelt haben. Es gibt einige repräsentative Edelläden, den besonders eigenwilligen Geschmack bedienen andere.

Ein Blick ins „Bikini Berlin“
Nach gut drei Jahren Renovierung hat am 3. April das neue Bikinihaus eröffnet. Es gibt auch Platz zum Chillen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 24Foto: Britta Pedersen/dpa
09.01.2014 14:19Nach gut drei Jahren Renovierung hat am 3. April das neue Bikinihaus eröffnet. Es gibt auch Platz zum Chillen.

Aufgefüllt werden die Ladenzeilen von 1-Euro-Läden, Second-Hand-Shops und Ramsch mit Preisschild. Neulich suchte ich lange, dünne, braune Schnürsenkel für die Schuhe meiner Tochter und rote Schuhcreme für mich. Nach vier Geschäften gab ich auf. Nun bin ich Kunde eines Internetdienstleisters.

Wenigstens ist die Dachterrasse schön

Was war das für ein Feiertag, wenn meine Eltern mir neue Anziehsachen kauften und ich mal nicht das Abgetragene meiner Geschwister auftragen musste. Und mit wie viel Spaß ich in Berlin am Anfang shoppen war. Nach meinem Gemütszustand muss das in einem anderen Jahrhundert passiert sein. Den Machern vom „Bikini Berlin“ wünsche ich viel Glück mit ihren Shops, Shop-in-Shop, Rent-a-Shop-in-a-Shop-Konzept.

Früher gab es alles im Westen und nichts drüben. Dann drehte sich alles um den Osten, und nun soll das Leben in den Westruinen wieder erblühen. Die nackte Wahrheit ist, alles orientiert sich im Niveau nach unten. Und die angezogene Wahrheit sagt, richtig schick scheitert am Portemonnaie.

Aber ich wollte niemandem das ultimative Einkaufserlebnis vermiesen. Die Dachterrasse im Bikini soll sehr schön sein. Vielleicht sehen wir uns da mal. Oder wie mein Vater sagen würde: „Tasima su ile degirmen dönmez.“ Eimerweise herangetragenes Wasser bringt die Mühle nicht zum Drehen.

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. An dieser Stelle schreibt sie immer montags über ihre Heimat.

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