• Zur Eröffnung des Cem-Hauses in der Kreuzberger Waldemarstraße kommt unter anderem Otto Schily

Berlin : Zur Eröffnung des Cem-Hauses in der Kreuzberger Waldemarstraße kommt unter anderem Otto Schily

Suzan Gülfirat

Am heutigen Sonnabend öffnet an der Kreuzberger Waldemarstraße 20 ein alewitisches Kulturzentrum. Es ist das erste seiner Art in Deutschland, das ein religiös-kulturelles Programm anbieten will. Bislang gab es in Berlin lediglich ein kleines Begegnungszentrum in der Lindower Straße in Wedding, das jedoch auf religiöse Zeremonien vollständig verzichtet hatte. In der ehemaligen neuapostolischen Kirche in Kreuzberg soll das jetzt anders werden. Die alewitische Gemeinde suchte ein neues Domizil, wurde in dem Sakralbau fündig und kaufte ihn. Persönliche Kontakte machten dies möglich, erklärte gestern Yüksel Özdemir, der Vorsitzenderdes "Kulturzentrums Anatolischer Alewiten", wie das Cem-Haus offiziell heißt. Deshalb werde zur Eröffnung heute Abend auch Fritz Schröder von der Neuapostolischen Kirche Berlin-Brandenburg eine Rede halten.

Zur Eröffnung gibt es außerdem ein Cem - eine religiöse alewitische Zeremonie - und ein musikalisch religiöses Programm. Bundesinneminister Otto Schilly hat seine Anwesenheit fest zugesagt, versicherten gestern Mitglieder des türkisch-alewitischen "Cem-Hauses" in Kreuzberg. Auch Vertreter der jüdischen, christlichen, und türkisch-sunitischen Gemeinde sowie Politiker aus Kreuzberg, wie Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Bündnis 90 / Die Grünen) und Abgeordneter Özcan Mutlu (Bündnis 90 / Die Grünen) werden dabei sein, wenn er das rote Band durchschneiden wird.

Cem ist die wichtigste alewitische Zeremonie, ein Cem-Haus eine Art Moschee. Richtige alewitische Gebetshäuser, wie beispielsweise die für Sunniten am Columbiadamm, gab es bislang in Deutschland nicht. Bezeichnend für die Zeremonien ist, dass Männer und Frauen nicht getrennt werden. Für die einen sind das Indizien links-liberaler Gesinnung. Fundamentalistische Sunniten und rechts-nationale Graue Wölfen intepretieren das als Ungläubigkeit mit hanebüchenen Vorurteilen, wie sexuelle Ausschweifungen während der Zeromien.

Die "Alewis" in der Türkei leben über die ganze Türkei verteilt, aber schwerpunktmäßig in den Westprovinzen Anatoliens. Sie repräsentieren zwar in gewisser Weise eine Form des Schiismus, die ihre Hochburg im Iran hat, aber eine Gleichsetzung beider Glaubensrichtungen ist dennoch nicht richtig, da die türkischen Alewiten nur begrenzt Kontakt zu anderen schiitischen Gruppen hatten. Eine kurze Exkursion in die Geschichte ist deshalb notwendig.

Der vierte Nachfolger Mohammeds, sein Schwiegersohn und Neffe Ali, fand nicht die Unterstützung der gesamten islamischen Gemeinde wie seine Vorgänger. Als er 661 ermordet wurde, entbrannte zwischen seinen Anhängern, die einen direkten Nachfolger Alis als Kalif sehen wollten und denen, für die die Abstammung nicht so wichtig war, ein heftiger Streit. Das wichtigste Kriterium für seine Gegner war dagegen, dass der geistige Oberhaupt den Koran und die in der islamischen Gemeinde geplegte Tradition (sunna) streng befolgte. Der fast ein Jahrhundert dauernde Kampf, endete schließlich 850 mit dem Sieg der sunnitischen Lehre, die damit die offiziell anerkannte Lehre des Kalifats war. Für Alis Anhänger bedeutete das vor allem im Osmanischen Reich jahrhunderte lange Unterdrückung, die bis zur Leugnung der eigenen Religion ging. Geistige Oberhäupter gab es nicht, die Religion konnte nur mündlich überliefert werden.

Auch nach der Gründung der Türkischen Republik kam es immer wieder zu Übergriffen durch islamische Fundamentalisten, wie zuletzt bei dem Brandanschlag auf ein Hotel in Sivas 1993 in Sivas, bei der 37 zum Teil nahmhafte Künstler und Intellektuelle verbrannten. Von den Tätern fehlt bis heute offiziell jede Spur. Wenn auch die Vorbehalte zwischen der alewitischen und sunitischen Bevölkerung groß sind, gelten die Alewiten heute dennoch als Garant gegen die Errichtung eines islamischen - also sunnitischen - Staates in der Türkei.

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