Berlin : Zur Kasse gebeten

Versicherte, die am Hausarzt-Modell der Barmer teilgenommen haben, müssen ab 1. Juli wieder zahlen

Liva Haensel

Die Barmer, eine der größten Krankenkassen Deutschlands mit rund 253 700 Mitgliedern in Berlin, bittet ihre Versicherten zur Kasse: Ab dem 1. Juli müssen Teilnehmer am sogenannten Hausarzt–Vertrag überraschend wieder zehn Euro Praxisgebühr bezahlen. Bei dem Modell konnten sich die Versicherten für jeweils einen einzigen Hausarzt und Apotheker ihrer Wahl entscheiden, die ihn für mindestens ein Jahr direkt betreuen. Die Mediziner und Apotheker führen jeweils ein Medikamentenkonto für den Patienten, um teure Doppelverschreibungen und Wechselwirkungen von Medikamenten zu verhindern. Teilnehmer des Hausarztvertrages mussten bislang nur einmal zum Jahresanfang die Praxisgebühr zahlen. Damit sparten die Patienten pro Jahr 30 Euro.

Das Modell läuft nun zum Jahresende aus. Damit zog die Barmer die Konsequenz aus einem Urteil des Bundessozialgerichts in Karlsruhe. Darin urteilten die Richter, dass das Barmer-Hausarzt-Modell „kein Fall der integrierten Versorgung“ sei. Im Klartext: Den Richtern reicht der Umfang des Angebots nicht aus. Sie fordern ein breiteres Netz aus ambulanten Versorgungsträgern, wie Ärzten, Apothekern, Kliniken und Reha-Einrichtungen. Die Zusammenarbeit eines Arztes, eines Apothekers und des jeweiligen Patienten stelle keine Neuartigkeit dar, sondern ähnele zu stark der täglichen Arzt-Patientenbetreuung, befanden die Richter. Für die Krankenkasse kommt das von der Kassenärztlichen Vereinigung erstrittene Urteil teuer: Sie muss nun rund 50 Millionen Euro an die Kassenärzte-Vereinigung nachzahlen, so Barmer-Sprecher Axel Wunsch.

Der Barmer-Hausarzt-Vertrag startete im März 2005. An ihm nehmen 91 500 Berliner sowie 1720 Hausärzte und 750 Apotheker teil. Für jeden neu gewonnenen Patienten erhalten Ärzte und Apotheker zusätzliche Honorare und Fortbildungen. Dieses zusätzliche Honorar bekommen sie auch noch bis Ende des Jahres bezahlt, „weil sie ja eine Leistung erbringen“, versichert Barmer-Sprecher Axel Wunsch. Die Versicherten müssen die Praxisgebühr dagegen bereits ab dem kommenden Quartal zahlen, auch wenn sie einen Befreiungsaufkleber auf ihrer Chipkarte haben.

Bei der Patientenbeauftragten des Senats, Karin Stötzner, gingen vergangene Woche mehrere Beschwerden ein, nachdem die Versicherten von der Barmer in einem Brief vom Ende des Modells informiert wurden. „Es ist nicht nachzuvollziehen, warum wieder diejenigen, die ohnehin mit ihren Beiträgen das gesamte Leistungsgeschehen der gesundheitlichen Versorgung finanzieren, bei einem solchen Schritt benachteiligt werden“, sagte Stötzner. Die Konsequenz der Krankenkasse aus dem Urteil sei irritierend. „Wir missbilligen das.“ Liva Haensel

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