Berlin : Zur Sanierung des Haushalts: Soll man eine Kirche abreißen…

…oder verkaufen und für weltliche Zwecke umnutzen? Das verschuldete Erzbistum Berlin könnte schon bald vor der Entscheidung stehen. Ein Pro und Contra

Claudia Keller

„Auch heute noch ist es das Größte für einen Architekten, eine Kirche zu bauen“, sagt Claus Neumann. Er hat die Charlottenburger Canisius-Kirche gebaut, die vor einem halben Jahr geweiht wurde. Bei keinem anderen Bauwerk setze man derart abstrakte Ideen um, bei keinem anderen könne man mit Raum, Licht und Schatten, den Urthemen der Architektur, so frei umgehen wie in einer Kirche. Ein Gotteshaus abzureißen wäre für Neumann „Wahnsinn“, dann lieber umnutzen.

Soll man eine Kirche eher abreißen als zuzulassen, dass sie zu weltlichen Zwecken genutzt wird? Diese Entscheidung musste hier zu Lande noch keine katholische Gemeinde treffen. Das Erzbistum Berlin könnte allerdings bald vor dieser Frage stehen. Denn das Bistum muss seinen dramatisch hohen Schuldenberg von 148 Millionen Euro abbauen. Es muss 440 Mitarbeiter entlassen und die Zahl der Pfarreien halbieren. Und nicht alle überzähligen Grundstücke, Gemeindehäuser und Kirchen wird man behalten können.

Zunächst werde man versuchen, andere christliche Gemeinden als Käufer zu finden, heißt es im Bistum. Aber wenn sich niemand finde, müsse man die Häuser auf dem freien Markt anbieten. Der neue Eigentümer könnte aber aus einem Gotteshaus ein Teppichlager machen, wie beispielsweise in Amsterdam geschehen. Oder ein Schwimmbad wie in Moskau.

Auch in Deutschland gibt es bereits Kirchen, die nicht mehr für Gottesdienste genutzt werden, sondern als Bibliotheken oder Veranstaltungsräume. Andere wurden zu Sozialwohnungen umgebaut. Das sind aber ehemalige evangelische Kirchen. Die Umnutzung von Kirchenräumen ist für Protestanten nicht so problematisch wie für Katholiken. Denn die katholischen Kirchen sind geweiht und gelten als heilige Räume. Im evangelischen Verständnis kann sich in einem Gebäude zwar etwas Heiliges vollziehen, aber ein Haus an sich wird dadurch nicht heilig.

Im Neuen Testament stehe nirgendwo geschrieben, dass man überhaupt Gotteshäuser brauche, sagt der Münsteraner Mentalitätshistoriker Arnold Angenendt. Wo zwei Menschen sich in Liebe versammeln, da sei Gott gegenwärtig. Die frühen Christen hätten sich in Wohnhäusern zum Gebet getroffen. Entscheidend sei aber die psychologische Dimension: „Der Raum, in dem wir religiöse Handlungen erlebt haben, lädt sich durch die Erfahrung des Heiligen auf.“ Deshalb ist es für Angenendt undenkbar, eine Kirche als Diskothek oder Sparkasse zu nutzen. Menschen könnten sich in ihrer Erinnerung und Erfahrung verletzt fühlen.

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