Berlin : Zurück im Arbeiterbezirk

ICC war früher, jetzt tagt die Bundes-SPD im Estrel. In Neukölln, wo früher ihre Stammwählerschaft saß

Sven Goldmann

Das ICC hat viel abbekommen in den 26 Jahren seines Bestehens. Zu teuer, zu groß, zu hässlich sei der Bau, ein zur Notlandung gezwungenes Raumschiff in einer menschenleeren Gegend. Vielleicht hat diese Kritik die SPD geradezu inspiriert, ihren Bundesparteitag 1979 im ICC zu veranstalten, denn die Volkspartei hatte damals kein großes Interesse an direktem Kontakt zum Volk. Bundeskanzler Helmut Schmidt forderte die Zustimmung der Partei zum Nato-Doppelbeschluss ein. 20 000 Demonstranten kamen vom Theodor-Heuss-Platz und protestierten mit dem hübschen Reim: „Zieht dem Schmidt die Hosen stramm, Schluss mit dem Atomprogramm“.

Ab heute tagt die Bundes-SPD mal wieder in Berlin, und es wird etwas ruhiger zugehen als vor 26 Jahren im Dezember. Die Polizei erwartet vereinzelte Demonstranten, natürlich marschiert auch die unvermeidliche NPD zum Estrel-Convention-Center an der Sonnenallee. Hier halten die Sozialdemokraten ihre Bundesparteitage ab, wenn sie denn in Berlin stattfinden, und das ist in dieser Woche schon zum vierten Mal seit 1999 so. Im ICC war die SPD zuletzt in den Wendejahren 1989 und 1990. „Schon aus logistischen Gründen kann man dort nicht mehr so eine Veranstaltung organisieren“, sagt ein Parteisprecher. „Wir erwarten gut 4000 Gäste. Das geht nur im Estrel.“ Das Hotel an der Sonnenallee hat 1125 Zimmer, fünf Restaurants und zwei Bars.

Geographisch betrachtet ist die SPD wieder dort angekommen, wo sie mal ihre Stammwählerschaft hatte, im Arbeiterbezirk Neukölln. Früher hielten die Sozialdemokraten ihre Versammlungen in der Neuen Welt an der Hasenheide ab. Hier tranken die Arbeiter ihr Bier, hier sprach August Bebel zum 1. Mai. Bismarck soll der frechen SPD mahnend zugerufen haben, „die deutsche Politik wird nicht an der Hasenheide gemacht“.

Politik wird an der Hasenheide schon lange nicht mehr gemacht. Die Neue Welt ist heute ein Vergnügungszentrum der Neuzeit, mit Bowlingbahn, Konzerthalle und Heimwerkermarkt. Neukölln wählt nicht mehr so rot wie früher, und richtig proletarisch sieht es rund um das Estrel auch nicht aus. Der Komplex mit Hotel, Veranstaltungs- und Vergnügungscenter liegt am Neuköllner Schifffahrtskanal in einem Industriegebiet, in dem nur noch wenig Industrie ist. Die Mietskasernen der Sonnenallee sind weit weg, dafür gibt es viel Grün und einen Biergarten vor der Tür. „Vom 17. Stock des Estrel-Hotels sieht die Sonnenallee aus wie die Champs-Elysées“, hat die „Berliner Morgenpost“ mal geschrieben.

Anders als auf dem freien Wohnungsmarkt ist es für eine Partei kein billiges Vergnügen, sich in Neukölln einzumieten. Als billigste Tagungspauschale bietet sich das Estrel für 47 Euro pro Person an, inklusive Business Lunch, nationalen Zeitungen und zwei Kaffeepausen. Da kommt bei 4000 Teilnehmern einiges zusammen. Nun ja, sagt Mihaela Djuranovic vom Estrel, „für gute Kunden gehen wir mit dem Preis schon ein wenig runter“, außerdem sei so ein Parteitag beste Publicity, „ist doch schön, wenn man unser Haus öfter in den Fernseh-Nachrichten sieht“. Im Estrel hat die SPD vor zwei Jahren die Agenda 2010 beschlossen, vor einem Jahr Franz Müntefering zum Parteichef gewählt, diesmal kürt sie Gerhard Schröder zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl.

Am vergangenen Wochenende war die Linkspartei zu Gast an der Sonnenallee, und Oskar Lafontaine nahm wie selbstverständlich Quartier im Estrel. So eine Übernachtung in Neukölln macht sich gut für einen, der die Toskana-Fraktion der SPD geißelt und gleichzeitig als Luxus-Linker beschimpft wird. Doch, doch, der Herr Lafontaine sei sehr zufrieden gewesen, sagt Frau Djuranovic vom Estrel. Nein, Champagner sei nicht serviert worden, „nur Kaffee, Tee, Softdrinks, aber wer unbedingt wollte, der hat natürlich auch ein Bier bekommen“. Wie damals, zu Bebels Zeiten an der Hasenheide.

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