Berlin : Zurück in die Stadt

Im Umland-Center einkaufen war gestern. Jeder Kiez bietet seine Shopping-Mall – und es werden mehr

Cay Dobberke

Jahrelang sanken Umsätze und Beschäftigtenzahlen im Berliner Einzelhandel, nun gibt es Licht am Ende des Tunnels. Erstmals war im Vorjahr wieder ein leichtes Umsatzplus zu verzeichnen, und auch für 2007 rechnet die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin fest damit, „dass wieder eine positive Umsatzzahl erreicht wird“. Experten begründen dies mit der bundesweit besseren Konjunkturlage, zunehmender Kaufkraft – und speziell in Berlin auch mit steigenden Touristenzahlen. Zudem wirkt sich die Freigabe der Ladenöffnungszeiten positiv aus.

Allerdings: Nicht die ganze Stadt profitiert davon. Laut Handelsverband könnten sich Citylagen „weiter profilieren“, während die Situation in den Außenbezirken „kritisch“ bleibe. Das zeigen nicht zuletzt die Öffnungszeiten: Während viele Center, Warenhäuser und weitere Geschäfte in der Innenstadt die Möglichkeit des Spätverkaufs nutzen, verzichten so gut wie alle Händler am Stadtrand darauf. Wegen der Personalkosten und geringer Umsätze am Abend „kann oder will das niemand bezahlen“, sagt Ingo Herpolsheimer, Vorsitzender der IG Schloßstraße in Steglitz. Auch am Teltower Damm in Zehlendorf schließen außer Supermärkten alle Läden zwischen 18 und 19 Uhr, bestätigt Thomas Herrmann vom Verein Zehlendorf-Mitte. In der Charlottenburger Reichsstraße ärgert sich die Vorsitzende der Händlergemeinschaft, Ursula Kiesling, über „Mutlosigkeit“: Sie könne ihre Nachbarn nicht dazu bewegen, längere Verkaufszeiten auch nur zu testen.

Was die Anzahl der Geschäfte angeht, ist Berlin längst die deutsche Shopping-Metropole. Zurzeit existieren 55 große Center – darunter zwölf in Lichtenberg, sieben in Marzahn-Hellersdorf und sechs in Mitte. Hinzu kommen mindestens vier geplante große Standorte und die 14 Center im Umland. Zum Vergleich: Hamburg hat 41 Einkaufszentren, Köln acht, Frankfurt am Main sieben und München nur drei. „An den Einkaufszentren geht kein Weg vorbei“, sagt der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Christian Wiesenhütter. Allerdings müssten die sich „mehr den umliegenden Einkaufsstraßen öffnen und eine natürliche Verbindung eingehen“. Im Idealfall solle ein Kunde „nicht merken, dass er nicht mehr auf der Straße geht“. Vorbildlich seien Center in Frankreich, wo sich sogar Hausnummern innen an den Läden fortsetzen. Dagegen seien die Berliner Shopping-Malls noch nach herkömmlichen Muster entstanden.

Brandenburgs Center auf der „Grünen Wiese“ haben ihren Schrecken für die Mitbewerber weitgehend verloren. Während in den neunziger Jahren viele Berliner zum Einkauf ins Umland fuhren, bieten innerstädtische Center nun dasselbe Angebot, aber kürzere Wege. „Die Mischung aus Arbeiten und Wohnen hat großes Potenzial“, sagt Wiesenhütter. Überhaupt sei ein „Trend zurück in die Stadt erkennbar“. Dies liege vor allem an der besseren Arbeitsmarktlage im Vergleich zu ländlichen Gebieten.

Auch beim Niveau der Geschäfte holt Berlin laut Wiesenhütter auf. Durch die Eröffnung internationaler Markenläden – etwa am Kurfürstendamm nahe dem Olivaer Platz – sei die Stadt „auf dem Weg nach oben“, auch wenn sie im Luxusbereich noch nicht mit Düsseldorf, Hamburg oder München mithalten könne. Nun sei es an der Zeit, „mit wirklichem Shopping-Tourismus zu beginnen“ – und speziell mit der Vielfalt der Angebote und den relativ günstigen Preisen zu werben.

„Der Tourismus ist der Wachstumsfaktor Nummer eins“ für den Handel, sagt Boris Kupsch, Vorstandsmitglied der AG City West und Betreiber der Internetportale „www.kurfuerstendamm.de“ und „www.friedrichstrasse.de“. Sowohl rund um den Ku’damm als auch in der östlichen Stadtmitte tragen Touristen „überproportional“ zu den Umsätzen bei. Das Ende scheint nicht erreicht zu sein, denn die Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) rechnet mit einem neuen Rekordjahr und 17 Millionen Besuchern; bis 2010 sollen es 20 Millionen werden. Dem Thema Shopping widmet sich bislang vor allem die Kampagne „Winterzauber Berlin“ der Berlin Tourismus Marketing, der Hotellerie und des Senats. Seit 2004 schafft sie es, von November bis Januar zusätzliche Gäste dank günstiger Flüge und Übernachtungen in die Stadt zu holen.

Doch was können Händler außerhalb der City tun, wo es kaum Touristen gibt? Boris Kupsch rät dasselbe wie die IHK und der Handelsverband: „Kleine Zentren und Straßen sollen sich zusammenraufen.“ Wichtig seien die gemeinsame Vermarktung und einheitliche Öffnungszeiten. Die „bestorganisierte Arbeitsgemeinschaft“ sei die IG Westfälische Straße in Halensee, der 80 Prozent der dortigen Geschäftsleute angehören. Ab Mitte Mai soll es Veranstaltungen an jedem Wochenende geben.

Um Ideen und „nachhaltige Wirkung“ für einzelne Standorte geht es auch beim Wettbewerb „Mittendrin Berlin! Die Zentren-Initiative“ der IHK und Stadtentwicklungsverwaltung. Zu den Gewinnern zählt die Frankfurter Allee in Friedrichshain. Eine Standortgemeinschaft will die Straße im September als „Handelsplatz in Berlin zwischen Moskau und Paris“ bekannt machen – mit Mode- und Kochvorführungen, Lichtkunst und einer Speisetafel auf dem Grünstreifen.

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