Zurück in die Stasi-Zelle : Waschen, essen, liegen

Ein ehemaliger Stasi-Häftling kehrt für eine Woche ins Gefängnis zurück. Die Aktion ist umstritten. Der Rentner war früher Mitglied der Republikaner.

Rita Nikolow

Frau Vu schließt die Tür, und für Carl-Wolfgang Holzapfel schrumpft die Bewegungsfreiheit zusammen auf die drei mal vier Meter seiner Zelle – Nummer 207, Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Sein Sakko hat der 65-Jährige gegen blaue Häftlingskleidung eingetauscht: Eine Woche lang wird der in West-Berlin aufgewachsene Holzapfel, der vor vierzig Jahren 13 Monate in DDR-Gefängnissen saß, hier unter Haftbedingungen leben. Und dabei von einer Webcam beobachtet werden, die das Geschehen auf die Seite www.stasi-live-haft.de überträgt. Die Aktion, die die Foto-Künstlerin Franziska Vu zusammen mit Holzapfel auf die Beine gestellt hat, gilt in Berlin als umstritten – zumal dieser vor 20 Jahren Mitglied der Republikaner war.

Tom Schreiber, der für die SPD im Abgeordnetenhaus sitzt, wirft Häftling Holzapfel diese ehemalige Mitgliedschaft vor. Außerdem gehöre Holzapfel noch heute dem Witikobund an, der am rechten Rand der sudetendeutschen Landsmannschaft stehe. Bedenklich findet Schreiber auch, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Holzapfel am 9. November eingeladen haben soll – zu einem gemeinsamen Gang über die Bösebrücke am ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße. „Ich habe nie verschwiegen, dass ich bei den Republikanern war“, sagte Holzapfel gestern. Als junger Mensch habe man auch das Recht, seine politischen Wege zu suchen. Der Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, betonte, dass beide Künstler „sehr seriös und ernsthaft“ seien. „Mit der Unterstützung dieser Aktion wollen wir auch die Menschen erreichen, die nicht zu uns in die Gedenkstätte kommen“, sagte Knabe.

Keine Probleme mit Holzapfels früherer Mitgliedschaft bei den Republikanern hat Jörg Kürschner, der dem Förderverein der Gedenkstätte vorsitzt: „Die Republikaner werden vom Verfassungsschutz nicht beobachtet und sind daher eine zugelassene Partei.“ Die Gedenkstätte Hohenschönhausen wird zur Hälfte aus Bundes-, zur anderen aus Landesmitteln finanziert: mit insgesamt einer Million Euro. Der Kulturstaatsminister war für eine Stellungnahme gestern nicht erreichbar. Torsten Wöhlert, Sprecher der Kulturverwaltung, erklärte dem Tagesspiegel, die politischen Positionen und die „Kunstaktion“ von Holzapfel würden auch von Förderern und Freunden der Gedenkstätte durchaus kritisch gesehen. Es liege letztlich in der Verantwortung des Gedenkstättenleiters, welche Aktionen er mit welchen Partnern in der Gedenkstätte durchführe oder unterstütze.

Wenn die Internetseite nicht – wie am ersten Tag – ständig zusammenbricht, wird man dort Holzapfels Tagesablauf verfolgen können: Wie er morgens um sechs Uhr aufsteht, sich wäscht, isst, – und tagsüber herumläuft oder sich auf den Holzstuhl setzt. Die Fotografin Franziska Vu möchte mit dem Projekt an das Unrecht erinnern, das vielen Menschen in der DDR angetan wurde: „Wir wollen vor allem auch junge Leute sensibilisieren.“ Auf der Internetseite könne man dem Häftling auch Fragen mailen. „Was ich in diesen Tagen denke und fühle, werde ich laut aussprechen“, sagt Holzapfel. Damit die Zuschauer sozusagen online in ihn hineinsehen können.

Dass ihre Aktion mit den Mitteln von „Big Brother“ arbeitet, bestreitet Franziska Vu. Toilettengänge und das tägliche Waschen fänden außerhalb der Zelle statt. Dafür könne man sehen, wie der Häftling – in Stasi-Manier – mehrmals in der Nacht dadurch geweckt werde, dass plötzlich das Licht in seiner Zelle angehe.

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