Berlin : Zurück vom anderen Stern

Manfred Gentz, der Motor des Aufbaus am Potsdamer Platz, hat heute seinen letzten Arbeitstag im Stuttgarter Daimler-Vorstand

Bernd Matthies

Aufgewachsen in Berlin. Studium: Lausanne-Berlin. Referendariat: Berlin. Promotion: Berlin. Lieblingsthema: Berlin. Sollte es eine Tragik im Leben von Manfred Gentz geben, dann läge sie darin, dass er fast sein komplettes Arbeitsleben, 34 Jahre, im Dienst eines Konzerns verbracht hat, wie er stuttgarterischer nicht denkbar ist. Gentz, der Preuße mit der Vorliebe für Zahlen und Fakten in der Konzernzentrale von Daimler-Chrysler, hat heute, gut einen Monat vor seinem 63. Geburtstag, seinen letzten Arbeitstag als Finanzvorstand. Kein Zweifel, dass er nach Berlin zurückkehren wird. In die Stadt, deren Regierender Bürgermeister ihm vor zwei Jahren das Große Bundesverdienstkreuz verliehen hat.

Als Gentz 1990 von Stuttgart für ein paar Jahre nach Berlin wechselte, sah das nicht unbedingt wie ein neues Kapitel einer Erfolgsgeschichte aus. Nach fünf Jahren als Personalvorstand sollte er als Chef die erst noch zu gründende Daimler-Benz Interservices (Debis) aufbauen – das roch ein wenig nach Strafversetzung, weil er mit Werner Niefer und Edzard Reuter, den Konstrukteuren des „integrierten Technologiekonzerns“, wohl nicht zurechtkam und ihre Visionen nicht teilte. Doch dieser Schritt erwies sich als Glücksfall für Berlin, weil die Debis unter seiner Leitung zum Motor des Wiederaufbaus am Potsdamer Platz wurde. Mit Info-Box und Baukräne-Ballett und – vor allem – unzähligen Gesprächen, wurden Bedenken ausgeräumt und Stimmungen gedreht; Gentz warb, argumentierte, erklärte, schimpfte und zeigte sich als Kärrner mit Geduld und Augenmaß. Als schließlich 1998 sein Nachfolger Klaus Mangold in das Debis-Gebäude einzog, da war er längst wieder zurück in Stuttgart, diesmal unter Jürgen Schrempp als Finanz- und Personalvorstand. Manche hatten ihn als neuen Vorstandschef gesehen, doch Schrempp, der impulsive Macher und offensive Redner, hatte die besseren Karten. Beide entfremdeten sich später zusehends in den enormen Komplikationen der Fusion von Daimler-Benz und Chrysler.

In Berlin hat Manfred Gentz vor allem gelernt, eine öffentliche Person zu sein, was seinem Naturell nur bedingt entspricht. Doch das half ihm bei der heiklen Aufgabe als Verhandlungsführer der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft im Konflikt um die Entschädigungszahlungen an ehemalige NS-Zwangsarbeiter. „Da bin ich so reingeschlittert“, sagte er später nahezu ohne Koketterie; er galt als geschickter Verhandler und hatte sich mit dem Thema schon einmal bei Daimler beschäftigt.

Hinter dieser weltweit beachteten Arbeit verschwand für die Öffentlichkeit so manche weniger spektakuläre Tätigkeit, die Gentz als engagierter Sachwalter des Standorts Berlin verrichtete, beispielsweise als Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer, als Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Bildungseinrichtungen; seit 2000 trägt er die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität. Ein Mandat als Berater des CDU-Bürgermeister-Kandidaten Frank Steffel blieb Wahlkampf-Episode; mit Klaus Wowereit hält er offenbar freundlichen Kontakt.

Die Villa in Schlachtensee ist renoviert und als Wohnsitz perfekt. Von Alterssitz kann dabei aber wohl keine Rede sein, denn Gentz wird in Berlin noch einiges bewegen wollen - im Einklang mit den „zivilen Seiten des Preußentums“, die ihm ein Leben lang Vorbild bei der Arbeit waren.

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