Berlin : Zurück zur Kunst

War was? Jörg Immendorff eröffnet eine Ausstellung – sein erster Auftritt nach dem Kokainskandal

Deike Diening

Niemand hat an diesem Abend in den Sophie-Gips-Höfen in Mitte dem Künstler Jörg Immendorff die Brustwarzen geleckt. So viel kann man sagen. Aber normal war auch nichts. Denn seit knapp zwei Wochen stellt sich die Republik genau dieses Bild vor. Seitdem reden alle von den „Orgien des Professors“. Weil das noch verruchter klingt, als die Orgien des Künstlers, den man mit neun Frauen und Kokain antraf. Unabhängig davon wird hier des Künstlers Ausstellung eröffnet. Und Immendorff kommt. Im knittrigen Anzug, in gestreiftem Hemd und Krawatte. Kann man Normalität einfach behaupten? Immendorff versucht es.

Es ist eine schlecht vernähte Normalität, in groben Stichen, unter denen schon die Wachsamkeit hervorlinst. „Nehmen Sie die Chance wahr, so lange ich noch Lust habe“, sagt Immdendorff zu den Fotografen,und reißt sich zusammen und geht mit ihnen geduldig von Bild zu Bild. Und dann, als er eine Platinblonde mit Küsschen begrüßt, und die Apparate hysterisch blitzen, da wird er doch kurz fuchtig. „Takt, bitte“, bellt er. „Ja? Ja?“, sagt er drohend und geht einen Schritt nach vorn. „Sonst schmeiße ich Sie raus, das ist ja zum Kotzen hier“. Und da fahren sie zurück wie getretene Hunde und es wird so still, man hört die Schritte auf den schwarz gestrichenen Bohlen, die noch dünsten von Lack.

Aber jahahah. Es ist alles normal, so normal... Eine Frau überreicht ihm eine rote Nelke, hinter der er sitzend den Abend verbringt. Dieser Nelke, dem Symbol. Er unterhält sich. War was?

Aber jetzt unterhält er sich mit drei Frauen, die sind ja höchstens dreißig. Und wieder formiert sich die Traube zum Belichten. Endlich, das Bild mit den jungen Frauen. Und gleich drei auf einmal. „Das sind alles meine Schülerinnen“, ruft Immendorff. „Fragt Sie nach ihren Namen.“ Und da hat er ja recht. Sie sind schick, ihre Stiefelschäfte öffnen sich wie Flügel. Es ist ja eine Ausstellungseröffnung, richtig. Und normalerweise besucht man die, um mit den Künstlern ins Gespräch zu kommen. Ist ja auch nicht so, als wären keine da. Im Gegenteil. Keith Tyson ist hier, Turner-Preisträger im letzten Jahr, mit seinem Galeristen.

Es ist so normal. So normal. – Aber warum verhalten sich dann alle, als müsste gleich etwas passieren? Als müssten aus der Toreinfahrt mindestens neun wollüstige Frauen schießen, dem Herrn Immendorff an die Brust fahren, wie Geister aus einer anderen, fremden Welt. Zu den Kunstwerken fragen die Leute nichts. Auf einem steht: „Ich wollte Künstler werden: Ich träumte davon, in der Zeitung zu stehen . . .“ Der Künstler, der längst einer ist, ein Staatskünstler fast, der mit dem Kanzler zusammen, es ist noch gar nicht lange her, seine riesige, überdimensionale Nase nach St. Petersburg brachte, der sieht so müde aus. Die Energie reichte nicht, die Bartstoppel zu entfernen. Er bewegt sich langsam und diese Schultern, die fallen und fallen. Mit geradem, steifen Rücken beugt er sich hinunter, bis sein Mund den Strohhalm trifft. Das Colatrinken mit einer Muskelkrankheit, an der Immendorff leidet. Nichts scheint unwahrscheinlicher als eine . . . Orgie. Er stellt sich einfach hin. Er steht es aus. Manche hatten gemunkelt, sogar der Kanzler würde sich sehen lassen heute Abend. Seinem Künstlerfreund die Stange zu halten. Aber vor der Durchfahrt an der Straße stehen keine Limousinen. Da sind nur dutzende klapprige Fahrräder ans Friedhofsgitter angeschlossen. Immendorff braucht den Kanzler gar nicht. Der kann das allein.

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