Berlin : Zurückgeben, bitte!

Das Fundbüro der BVG bewahrt Verlorenes auf – und beweist zugleich die Ehrlichkeit vieler Berliner

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Da ist Musike drin. BVG-Chefin Sigrid Nikutta präsentiert eine kürzlich gefundene Gitarre – und bedauert, dass der Eigentümer sie nicht mit seiner Telefonnummer versehen hat. Hinter ihr wartet Udo Jürgens darauf, dass ihn endlich mal jemand abholt. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Da ist Musike drin. BVG-Chefin Sigrid Nikutta präsentiert eine kürzlich gefundene Gitarre – und bedauert, dass der Eigentümer sie...

Der verlassene Rollstuhl, den ihre Leute erst Anfang der Woche im M 76er-Bus gefunden haben, erstaunt auch die Chefin. Falls sich solche Wunder auf einer bestimmten Linie häuften, könnte das fürs Marketing interessant werden, scherzt die Vorstandsvorsitzende Sigrid Nikutta, als sie am Mittwochmorgen das Fundbüro der BVG in der Potsdamer Straße 180 besucht. Hier landet alles, was von Fahrern und Reinigungspersonal eingesammelt oder von Passagieren abgegeben worden ist. Zumindest fast alles: Tiere kommen in die Sammelstelle, Waffen bekommt die Polizei, Esserei aus Taschen wird weggeworfen. Bei mindestens sechs Wochen Aufbewahrungszeit würde ein Fischbrötchen schnell die Atmosphäre im Fundbüro vergiften.

Tatsächlich können sich die vier Mitarbeiter vor allem freuen – und noch mehr wundern. Die Freude teilen sie mit den Eigentümern, die ihre Habe in Empfang nehmen. Knapp 40 Prozent der rund 3000 pro Monat gefundenen Gegenstände werden abgeholt. Wobei echte Wertsachen wie Laptops oft liegen bleiben, weil manche Transuse offenbar nicht mit der Ehrlichkeit der Mitmenschen rechnet. Wer sein Handy verbummelt, hat sogar Chancen auf einen Rückruf: Sofern der Saft reicht und keine Geheimzahl das Gerät sperrt, suchen die BVGler nach Einträgen wie „Mama“ und klingeln dort an. Ansonsten werden nach sechs Wochen die Speicher gelöscht und die Geräte versteigert. Ausnahme seien iPhones, die mangels Löschfunktion vernichtet werden. „Da tränt einem schon mal ein Auge“, sagt eine Mitarbeiterin.

Wenn das Auge vor Lachen tränt, liegt das an Dingen wie dem Koffer voller Kondome oder der signierten Udo-Jürgens- Figur, die einsam in der U-Bahn stand.

Die häufigste Fundsache sind Regenschirme; außerdem beginnt gerade wieder die Handschuhsaison. Turnbeutelsaison ist dagegen ganzjährig und auf allen Linien. BVG-Chefin Nikutta sagt, sie lasse ihre Kinder nur mit Telefonnummer im Beutel losfahren, damit das Fundbüro sich im Ernstfall selbst melden könne. Die Gebühr von einem bis sieben Euro – je nach Wert der Fundsache – ist im Zeitalter der Markenturnschuhe in der Regel gut angelegt. Auch der Finder kann profitieren, denn ab einem Wert von 50 Euro hat er Anspruch auf eine Belohnung vom Eigentümer.

Die Lagergebühren und die Erlöse der vierteljährlichen Auktionen decken längst nicht die Kosten, aber die BVG betreibt das Fundbüro auch nicht zum Geldverdienen. Es ist eines von sechs in Berlin – weitere betreiben beispielsweise Bahn und Flughäfen – und existiert seit 1929. Die älteste noch aufbewahrte Fundsache ist die skurrilste: Eine Beinprothese. „Die wird nicht mehr versteigert“, sagen die BVGler. Ihre Geschichte kennen sie nicht. Vielleicht kann der Besitzer ohne sie einfach nicht vorbeikommen.

Öffnungszeiten: Mo.-Do. 9-18 Uhr, Fr. 9-14 Uhr. Infos zu Fundsachen unter (030) 194 49 oder per Mail: fundbuero@bvg.de.

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