Berlin : Zusammenreißen hilft nicht

Immer mehr Berliner sind depressiv – vor allem Migranten. Eine Ärztin an der Charité erforscht das. Meryam Schouler-Ocak stammt selbst aus der Türkei – und ist Chefin des neuen Berliner Bündnisses gegen Depression

Adelheid Müller-Lissner

Wenn Menschen wegen Schmerzen zum Arzt gehen, steckt oft etwas ganz anderes dahinter: Depressionen. Bis zu 90 Prozent der Patienten, die an einer Depression leiden, wissen es nicht – sie kommen zunächst wegen körperlicher Beschwerden zum Arzt, sagt Meryam Schouler-Ocak, Chefin der Institutsambulanz an der Psychiatrischen Uniklinik der Charité. Die Gefahr: Das Leiden wird chronisch. Bei Migranten ist diese Gefahr noch größer, denn Arzt und Patient fehlen nicht nur die gemeinsame Sprache, sondern auch eine gemeinsame Basis beim Verständnis von Krankheit. Migranten werden anders krank, und sie äußern Schmerzen, auch seelische, auf andere Weise – aber bei Depressionen kann es gefährlich werden.

Deshalb gibt es jetzt ein neues Bündnis in Berlin, das sich verstärkt darum kümmern will, dass das seelische Leiden in der Hauptstadt früher erkannt und wirksamer behandelt wird – nicht nur bei Migranten, aber erstmals auch mit einem solchen Schwerpunkt. Besondere Angebote sollen vor allem der stärksten Gruppe gemacht werden, den rund 250000 türkischstämmigen Berlinern. Die Leitung hat Meryam Schouler-Ocak übernommen. Vorbild ist eine vom Bundesforschungsministerium geförderte Aktion aus Nürnberg, durch die die Suizidrate deutlich gesenkt werden konnte.

Depressionen werden nämlich stark unterschätzt, sagt Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Mitte. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Regierungen der Industrieländer nicht ohne Grund schon mehrfach streng ermahnt, mehr gegen Depressionen zu tun. Der Gesundheitsreport der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) zeigt, dass die Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen seit 1997 um 70 Prozent gestiegen sind. Demnach gehen zehn Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage auf psychische Erkrankungen zurück, und den Löwenanteil machen die Depressionen aus. In Berlin sind es statt zehn sogar 12,1 Prozent. „In den Großstädten gibt es mehr Stressfaktoren“, sagt Schouler-Ocak. Armut und Arbeitsplatzsorgen gehören dazu. Es gibt Schätzungen, denen zufolge in den Industrienationen fast jeder Fünfte mindestens einmal eine behandlungsbedürftige Depression durchmacht. „80 Prozent kann im etablierten medizinischen System geholfen werden“, sagt Schouler-Ocak, für die Übrigen gebe es Spezialangebote. Aber: Nur die Hälfte der Betroffenen sucht professionellen Rat. 15 Prozent derer, die an einer schweren Depression leiden, begehen Selbstmord. In Berlin sind das im Jahr etwa 500.

Zum Programm des Berliner Bündnisses, das von der BKK unterstützt wird und später wissenschaftlich ausgewertet werden soll, gehört deshalb auch ein spezielles Training für Hausärzte, die meist die ersten Ansprechpartner sind, aber auch Vorträge für Laien (wir werden berichten), Seminare für Menschen, die beruflich mit Migranten arbeiten, und nicht zuletzt Flyer und Plakate, die gerade in der ganzen Stadt aufgehängt werden. Auf einem ist das in der Türkei beliebte Talisman-Auge (nazar boncugu) zu sehen, das den bösen Blick abwendet. In der Türkei glauben die Menschen oft noch, dass seelische Leiden so verursacht werden.

Meryam Schouler-Ocak beherrscht die Sprachen beider Seiten. Deutsch hat sie gelernt, als sie vor 36 Jahren, damals war sie sieben, mit der Familie von der Türkei nach Duisburg zog. Schon mit 16 hat sie dann bei Beratungsgesprächen für „pro familia“ übersetzt – Verhütung, konfliktreiche Schwangerschaftsabbrüche, Gewalt in der Familie. Sie war da eigentlich eher zufällig hineingeschlittert, aber damals ging ihr auf, wie wichtig – und bislang eher unbeachtet – dieses Thema ist: die Gesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund. Und wie spannend es zudem ist, sich anzuschauen, wo Depressionen herkommen.

Wie zum Beispiel kommt es, dass bei manchen Menschen und in bestimmten Lebenssituationen der Botenstoff Serotonin, der für das Wohlbefinden ausgesprochen wichtig ist, nur in ganz geringer Menge da ist? „Wir wissen heute, dass es genetische Veränderungen gibt, die mit einer verminderten Wiederaufnahme von Serotonin einhergehen“, sagt Psychiatrieprofessor Andreas Heinz. Das bedeutet: erhöhte Empfindlichkeit für Depressionen. Kommen dann besondere Belastungen hinzu, wie das in der Lebenssituation von Zuwanderern oft der Fall ist, bricht die Krankheit aus.

Psychische Leiden sind in der Gesellschaft immer noch etwas, wofür die Menschen sich schämen, und: Sie stigmatisieren die Patienten. Schouler-Ocak will besonders in den türkischen Familien für Verständnis werben: „Wenn Frauen depressiv sind, muss man der Familie oft klarmachen, dass sie eine Krankheit haben und nicht einfach faul sind.“ Allerdings drohen Psychotherapie und begleitende Betreuung nicht nur an den sprachlichen, sondern auch an kulturellen Barrieren zu scheitern. In der Türkei sei die Psychotherapie erst im Aufbau, sagt Schouler-Ocak. „Dafür lassen sich viele parallel zur ärztlichen Behandlung noch vom Hodscha beraten.“ Hodschas, wörtlich Korankundige, sind traditionelle Heiler.

Meryam Schouler-Ocak ist seit einigen Jahren auch Schriftführerin der Deutsch-Türkischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosoziale Gesundheit. Bei ihren Treffen sprechen die Psychiater nicht nur über die Unterschiede in Krankheitskonzepten und Therapien, sondern auch über die Irrtümer in Sachen Depression, die sich in beiden Kulturen gleichermaßen hartnäckig halten. „Reiß dich doch einfach zusammen“: Das ist so ein Satz, den depressive Menschen von ihren Angehörigen in vielen Sprachen der Welt zu hören bekommen.

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