Zwangsarbeit : Kampagne gegen Menschenhandel

In Berlin werden Zwangsarbeiter im Baugewerbe, Eisdielen, Nagelstudios, Restaurants und Diplomatenvierten vermutet. Ihren Chefs sind sie hilflos ausgeliefert.

160 Euro hätte Lakech Demise monatlich in einem Berliner Restaurant verdienen sollen. Für die verwitwete Äthiopierin mit drei Kindern klang es wie ein Lottogewinn. Doch in Deutschland angekommen, war die Analphabetin ihrem Chef hilflos ausgeliefert. Nach eineinhalb Jahren harter Arbeit hatte sie nur 400 Euro verdient. Irgendwann vertraute sie sich im Restaurant einem Stammkunden an, der sie rettete.

Viel diskutiert wird der Menschenhandel zum Zweck der Prostitution, wenig das Problem moderner Sklaverei. Um Zwangsarbeiter wie Demise in Berlin zu erreichen, hat die Beratungsstelle „Ban Ying“ unter der Schirmherrschaft der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen eine Kampagne gestartet. Die Betroffenen sollen mit kleinen Geschenkseifen, die Botschaften enthalten und mutmaßlichen Opfern zugesteckt werden können, angesprochen werden. Ferner will der Verein doppeldeutige Plakate in acht Sprachen und ländertypischem Design aushängen und Mopeds mit Transparenten durch die Stadt rollen lassen. „Wir wollen ihnen eine Nachricht übermitteln“, sagt Nivedita Prasad von „Ban Ying“.

Die Zahl der Zwangsarbeiterinnen in Deutschland kann nur geschätzt werden. Bundesweit wird von 15 000 Fällen ausgegangen. Das Landeskriminalamt Berlin vermeldete 2008 sieben aufgedeckte Fälle. „Das Problem ist, dass die Täter ihre Opfer mit offiziellen Papieren ausstatten und die Betroffenen abschotten“, sagt Dezernatsleiterin Heike Rudat. „Vertragssklaverei“, nennt Prasad die Strategie. In Berlin würden die Zwangsarbeiter im Baugewerbe, Eisdielen, Nagelstudios, Restaurants und Diplomatenvierten vermutet. „Es ist schon oft vorgekommen, dass sich eine Betroffene getraut hat jemanden anzusprechen und nicht ernst genommen wurde.“ hh

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