Berlin : Zwangsarbeiter: Der Karteikartenfund von Tempelhof

Jeannette Goddar

Fein säuberlich führte die Leitung der Tempelhofer Elektronikfirma Lorenz im "Dritten Reich" die Personalliste: Die Daten jedes Mitarbeiters - Name, Nationalität, Geburtsdatum - wurden auf eine visitenkartengroße Metallplatte gestanzt. Luis van der Poort steht zum Beispiel auf einer, Niederländer, 1930 geboren. 1944, also im Alter von nur 14 Jahren, arbeitete er für die C. Lorenz AG. Am oberen Ende der Metallplatte war eine gelbe Markierung - "Zwangsarbeiter".

Als Reiner und Gudrun Janick vom Verein "Berliner Unterwelten" wieder einmal Hinweisen von Zeitzeugen aus der Nazi-Zeit auf einen Bunker an der Tempelhofer Kollwitzstraße nachgingen, machten sie einen wichtigen Fund, den sie gestern in einem Bunker am U-Bahnhof Gesundbrunnen vorstellten: Unter einer dicken Staubschicht lagerten in dem ehemaligen Bunker der Lorenz-AG vier verrostete Stahlschränke mit einer kompletten Personaldatei. Darunter die Namen von mehr als 3000 ehemaligen Zwangsarbeitern, die das Unternehmen beschäftigte. Der Verein "Unterwelten" barg die herrenlose Kartei und übergab sie dem Historiker Jens W. Kleist zur Auswertung.

Kleist stellte gestern die Einzelheiten vor - soweit er sie anhand der zur Verfügung stehenden Angaben nach über 50 Jahren nachvollziehen konnte: Danach waren unter den 3108 namentlich erfassten Zwangsarbeitern 1081 Belgier, 629 Franzosen, 528 Bürger der Sowjetunion, 220 Polen, 216 Italiener, aber auch einige Schweizer, Türken und Spanier. Die Liste ist nicht vollständig: "Die Matritzen wurden mehrmals überschrieben", sagte Kleist, "so waren viele Namen unlesbar."

In den kommenden Tagen soll die Liste, die gestern bereits dem Landesarchiv überreicht wurde, auch den Zwangsarbeiter-Verbänden der betroffenen Staaten zugeführt werden. Schließlich drängt die Zeit: Innerhalb der kommenden sieben Monate müssen ehemalige Zwangsarbeiter bei der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft ihren Antrag auf Entschädigung gestellt haben. Nach Schätzungen wurden alleine in Berlin über 500 000 Zwangsarbeiter beschäftigt.

Eine Vertreterin der Zwangsarbeiter war gestern zugegen: Die junge Ukrainerin Marina Schubarth, die in Berlin lebt. Sie sagte, dass sie anhand des Vergleichs mit der offiziellen ukrainischen Liste bereits zehn noch lebende Ukrainer, unter ihnen neun Frauen, identifiziert habe. "Die Menschen werden sehr glücklich sein", sagte Marina Schubarth, die soeben von einer Reise in die Ukraine zurückgekehrt ist. "Viele ehemalige Zwangsarbeiter leben dort unter schrecklichen Bedingungen, leiden Hunger, haben kaum noch die Kraft, sich um etwas zu kümmern. Es wird allerhöchste Zeit, dass die Entschädigungen in Gang kommen." Ihrer Einschätzung nach hätten nur die wenigsten die Chance, binnen sieben Monaten nachzuweisen, dass sie im Krieg in Deutschland zur Arbeit gezwungen worden seien: "Viele haben die Hoffnungen auch längst aufgegeben."

Nach Ansicht des Vereins "Unterwelten", der seit 1997 das unterirdische Berlin ehrenamtlich nach historischen Dokumenten aus der NS- und der Mauerzeit durchforstet, wird auch in Berlin die anstehende Aufgabe überhaupt noch nicht erkannt. "Hätten wir die Kartei nicht selbst ausgewertet, hätte das mindestens ein halbes Jahr gedauert", sagte Kleist. Angesichts der zu erwartenden Antragsflut sei es allerhöchste Zeit, "endlich eine Dienststelle mit kompetentem Personal einzurichten", sagte Kleist. Auch der stellvertretende Leiter des Landesarchivs, Klaus Dettmer, bestätigte, dass täglich etwa 20 Anfragen zu Entschädigungen eingingen. Die jetzt bekannt gewordenen Opfer haben eine reelle Chance auf Hilfe: Der Lorenz-Rechtsnachfolger Alcatel ist Mitglied der Stiftungsinitiative. Alcatel-Pressesprecherin Veronika Hucke sicherte gestern zu, die gefundenen Unterlagen "kurzfristig einzusehen".

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