Berlin : Zwei bringen, eins mitnehmen - in der Eisenbahnmarkthalle in Kreuzberg

Johannes Metzler

Mit Klabund ist Ingo Klabunde weder verwandt noch verschwägert. Der vor über 100 Jahren geborene deutsche Dichter hieß nämlich eigentlich auch gar nicht Klabund, sondern Alfred Henschke. Und er ist schon lange tot. Aber was spielt das für eine Rolle: "Ich lese den trotzdem ab und zu, wegen des Namens." Kollegen wären die beiden übrigens auch nicht, denn Ingo Klabunde zählt nicht zur schreibenden Zunft. Aber er verdient neuerdings seine Brötchen mit Büchern.

Im hintersten Winkel der Eisenbahnmarkthalle findet man den 28-Jährigen an einer altmodischen cremefarbenen Registrierkasse. Über ihm an der Wand prangt ein kitschiger Ölschinken mit Gletscher und Almhütte. Ansonsten reihen sich in dem kleinen Laden und auf dem Gang davor Kiste an Kiste, gefüllt mit Lesestoff aller Art. Hier fühlt sich Klabunde wohl - "Schmökerkiste" hat er sein junges Unternehmen genannt, das zurzeit das einzige seiner Art in der Markthalle ist.

"Ingo, du kriegst noch Wechselgeld", ruft ihm der Fleischer vom Nachbarstand hinterher, der ihm gelegentlich Kaffee verkauft. Klabunde grinst und stellt die Tasse auf seinem Tresen ab: "Ja, die Atmosphäre ist schon ganz witzig." Aber nicht nur das Umfeld ist für einen Buchhändler unkonventionell. Denn Klabunde verhökert seine Bücher nicht nur, er tauscht auch. Faustregel: zwei mitbringen, eins mitnehmen. Wer allerdings zwei abgegriffene dünne Groschenheftchen aus Perry Rhodans "großer Weltraumserie" gegen einen gebundenen Stephen King tauschen will, bekommt eine Absage. Dann schätzt Klabunde den Wert der mitgebrachten Druckerzeugnisse, und die Hälfte dieses Klabundeschen Schätzwertes wird beim Kauf angerechnet.

Für komische Ideen war er schon immer zu haben. So begann der gelernte Einzelhandelskaufmann 1996 mit einem Pauschalreiseunternehmen, das Publikum zu Aufzeichnungen von Fernseh-Shows karrte. Wo auch immer gedreht wurde, Klabunde war mit seinen Fernsehtouristen dabei: Vom "Glücksrad" bis "Der Preis ist heiß", von Bayern bis Holland reichten seine Angebote. Um einmal live dabei sein zu können, nahm das Fernsehfußvolk in den von ihm gecharterten Luxusreisebussen Platz - und zahlte. Kurzum: Das Geschäft lief wie geschmiert.

Dann aber "machte ein Mitbewerber Angebote zu Dumping-Preisen", erzählt Klabunde. Er verkaufte sein Unternehmen und investierte das Geld schließlich in Bücher aus Wohnungsauflösungen. Nicht um sie zu lesen, wohlgemerkt, sondern um den Grundstein für sein zukünftiges Geschäft zu legen.

Im Angebot hat er so ziemlich alles, was Leseratten nach Feierabend und in schlaflosen Nächten verschlingen: je nach Gusto staubige Klassiker, Liebesromane, abgewetzte Krimis, Horrorschinken. Die Kinder aus dem Kiez rund um die Markthalle mögen ihn, weil er auch Videospiele tauscht und verleiht. Und er nimmt regen Anteil an den Sorgen der älteren Damen, die er zu seinen Kunden zählt: "Dem Hund von Oma Müller geht es gar nicht gut, der hat ein Geschwür im Hals", erzählt er. Die Operation steht bevor, aber wenn alles gut geht, ist er "Ende der Woche schon wieder zu Hause."

Jetzt ist Klabunde auf der Suche nach prominenter Unterstützung. Einmal im Monat möchte er mit Hilfe von Fernsehstars einen Teil der ertauschten Bücher für 99 Pfennig verkaufen und den Erlös an eine soziale Einrichtung spenden. Dass ihn seine wohltätige Ader als Unternehmer ruinieren könnte, glaubt er nicht. Schließlich sei die Miete nicht so hoch, und "es reicht doch, wenn ich mein Auskommen habe." So verbindet Ingo Klabundes Bescheidenheit ihn doch ein wenig mit Dichter Klabund und Konsorten. Denn manch einer von ihnen, so weiß man aus Schultagen, hat es zwar zu etwas gebracht - Ruhm zum Beispiel. Viel Geld hingegen war es meistens nicht."Schmökerkiste" in der Eisenbahnmarkthalle, Eisenbahnstraße 42-43, Telefonnummer 612 89 524

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