Berlin : Zwei rechts, zwei links

Der Griff zum Fahrschalter ist für Zugführer bei der S-Bahn tägliche Pflicht Durch gestrickte Überzieher wird hartes Metall zum weichen Handschmeichler

Sven Trojanowski

„Die beiden hier sind meine Lieblinge.“ Uwe Lillinger schaut auf ein kleines schwarzes Wesen, das in seiner linken Hand hockt – ein fünfarmiger Krake mit rotem Mund und Kulleraugen. In der rechten Hand sitzt sein zweiter Liebling – ein grüner Wurm mit schwarzen Streifen, ebenfalls mit rotem Mund, doch diesmal glänzenden Knopfaugen.

„Mit den beiden mache ich die meisten Touren,“ erzählt Lillinger und lacht. „Wir drei sind sozusagen ein Team.“ Der Mann ist weder Besitzer einer Zoohandlung noch Dompteur. Der Krake wie auch der Wurm sind nicht echt, sondern handgestrickte Überzieher, die dem vermeintlichen Tierfreund den Alltag des Berufs als Zugführer bei der S-Bahn erleichtern und verschönern.

Besonders in den alten Zügen der Baureihe 477 hatten die Tierlein ihren tieferen Sinn. Hier gab es kaum einen Zugführer, der mit blanken Händen fuhr. „Bei den alten Zügen waren Fahrschalter und Führerbremsventile oft noch aus Messing“, erinnert sich Lillinger. „Das färbte gerade im Sommer unheimlich ab. Sowie es draußen ein bisschen wärmer wurde, hatte man sofort schwitzige und schwarze Hände.“ Doch auch im Winter waren die selbst gestrickten Überzieher nützlich. Wer wollte schon die ganze Schicht lang seine Hände auf einem kalten Fahrschalter liegen lassen?

Selbst in den S-Bahnen der neuesten Generation sitzen noch viele Zugführer, die sich von ihren geliebten Strickwaren nicht trennen können. „Meinen Händen ist es doch egal, ob sie in einem alten oder in einem neuen Zug schwitzen“, erklärt Uwe Lillinger. Viele seiner Kollegen finden es auch hygienischer, mit solch einem wollenen Schutz zu fahren. „Ich habe den ganzen Tag den Fahrschalter in den Händen“, sagt Lillinger. „Wer weiß, vielleicht hatte der Kollege, der vor mir die S-Bahn fuhr, schmutzige Finger oder er war krank. Deshalb fahren wie ich auch andere Kollegen mit den Dingern.“

Die sind gar nicht so schwer herzustellen. Immer zwei rechts, zwei links, am Ende abketteln – fertig ist das gute Stück. So haben die Frauen oder Freundinnen der Zugführer immer ein passendes Geschenk.

Bei Uwe Lillinger war das nicht anders. Den ersten handgestrickten Überzieher gab es Anfang Dezember 1998. Seine Freundin Kerstin Petrowsky, die als Aufsicht natürlich auch bei der S-Bahn arbeitet, hatte ihm einen besonderen Weihnachtskalender gebastelt. „Die Tierchen waren an einem Wollfaden aufgehäkelt“, erzählt Lillinger. „Die Krake war am 12. Dezember im Kalender, der Wurm am 24.“

Als Erstes hieß es für die Strickerin Maß nehmen. Dann musste die richtige Wolle her. „Am besten ist es, wenn wenig Kunstfaser, dafür aber ein hoher Wollanteil drin ist“, erläutert Kerstin Petrowsky. Auf alle Fälle sollte es bunt werden – also: Krake, Wurm, Gespenst, Maikäfer, Bienen, Pilze.

Zwischen einer halben Stunde und mehreren Tagen dauert es, solch einen gestrickter Schutz anzufertigen. Im Laufe der Zeit kamen so bislang schon an die 30 Paar zusammen, die bei Uwe Lillinger bis heute treu und redlich ihren Dienst versehen - auch auf den neuen Zügen.

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