Berlin : Zwei türkische Karrieren: Sie haben (k)eine Chance

Rico Czerwinski

Am Dienstag vor zwei Wochen hat Koray Tas einen Schwur abgelegt: Nie wieder einen Fuß zu setzen über die Schwelle des Berufsinformationszentrums, Arbeitsamt, Berlin-Moabit. Er hatte seinen Berufsberater besuchen wollen, Herrn Schulz-Brüssel. Der, so hieß es, sei nicht da, sei unterwegs in den Schulen. Er solle es in einem Monat wieder versuchen. "Eine Minute später", sagt Koray, "kam der Alte aus seinem Büro und ging rüber zur Toilette."

Herr Schulz-Brüssel wird rot, wenn man ihn nach Koray Tas und dem Dienstag vor zwei Wochen fragt, er fängt an zu stottern. Na ja, prinzipiell sei er schon in Schulen unterwegs, sagt der 60-Jährige. Ausgerechnet an diesem Nachmittag hätte er sich aber etwas Verwaltungsarbeit vorgenommen. Niemand könne sich vorstellen, wie hoch sich die unerledigten Vorgänge schon auf seinem Schreibtisch stapelten.

Der Abteilungsleiter für Berufsberatung beim Arbeitsamt Berlin-Nord, Andreas Peikert, spricht von "größeren Schwierigkeiten bei der Vermittlung von Lehrstellensuchenden ausländischer Herkunft". Sie bräuchten eine umfangreichere, eingehendere Beratung als deutsche Jugendliche und ließen sich viel schwerer an Ausbildungsbetriebe vermitteln. Seine Behörde sei aber nicht in der Lage, darauf zu reagieren. "Das zur Verfügung stehende Personal kann den erhöhten Zeitbedarf dieser Lehrstellensuchenden nicht befriedigen." Darunter leide natürlich auch die Qualität der Betreuung.

Koray Tas hat im Juli vergangenen Jahres die Schule verlassen. Mit 19, einem erweiterten Hauptschulabschluss, einer Vier in Mathe, einer Fünf in Rechtschreibung und ein paar Verspätungseinträgen, die seinem Berufsberater zufolge wirken "wie Fettflecken auf einem Bewerbungsschreiben". Seit der 10. Klasse will er Kfz-Mechaniker werden, im Notfall auch Lackierer, "auf jeden Fall was mit Autos". Er liebe Autos, die würden immer gebraucht, und als Kfz-Mechaniker könne man sich noch privat was dazuverdienen. In fünf Werkstätten hat Koray nach einer Lehrstelle gefragt. Alle fünf waren so winzig, dass sie keinen Angestellten mit Ausbildungsberechtigung hatten. Alle fünf gehörten Türken. Koray entschied, sich künftig auf den Berufsberater zu verlassen. Seitdem verbringt er seine Tage mit "rumlaufen, Auto fahren, Karten spielen". Und sitzt regelmäßig im Büro von Schulz-Brüssel.

Hört zu, wie der mit sanfter Stimme Telefonate mit Personalabteilungen führt, wie er auf seiner Computertastatur herumhämmert, auf der Suche nach einem Praktikumsplatz in irgendeiner Autowerkstatt. So ein Praktikumsplatz würde Korays Chancen erhöhen, in diesem Jahr endlich eine Lehrstelle zu bekommen. Einmal hatte Schulz-Brüssel schon einen Praktikum für ihn gefunden, bei BMW. Aber als Koray einen Tag später dort anrief, lachte die Sekretärin: Das sei ein altes Angebot, der Platz längst vergeben.

Regelmäßig versucht der Berater, Koray von weniger gefragten Berufsbildern zu überzeugen. Eine schwierige Aufgabe, wie er sagt, "besonders bei Jugendlichen ausländischer Herkunft". Schulz-Brüssel bemüht sich, sie unter Beachtung seines "Berater-Ethos" zu lösen: Er erzählt Koray nichts davon, dass das Verhältnis von Bewerbern und offenen Stellen für Kfz-Mechaniker auf dem Ausbildungsmarkt eins zu hundert "oder schlechter" steht. "Man könnte ihn natürlich mit dieser Keule erschlagen. Aber das sollen wir nicht." Der bessere Weg sei, die Vorteile der anderen Berufe herauszuarbeiten und so ihre Akzeptanz zu erhöhen. Ihre Wirkung hat diese Strategie bei Koray noch nicht ganz entfaltet: "Obstverkäufer, Bauarbeiter? Hier in Deutschland, wo man draußen immer friert? Was ist mit Kfz-Mechaniker?"

Doch Herr Schulz-Brüssel hat noch mehr Möglichkeiten, als die Vorzüge einer Tischlerlehre zu erläutern: Er verfügt über ein "vielfältiges Instrumentarium an Qualifizierungsmaßnahmen": jede Menge Sonder-, Landes- und Bundesprogramme, AQJ-Praktika und berufsvorbereitende Lehrgänge. "Kunstgriffe, um Problemfälle wie Koray von der Arbeitslosigkeit loszueisen." Schulz-Brüssel könnte stundenlang über Teilnahmebedingungen, Lehrinhalte und Verwaltungsvorschriften sprechen. Koray studiert derweil die farbenfrohe Berlin-Karte, die an der Bürowand hängt. Werner Peikert sagt, es sei nicht immer einfach für die Berater, die abstrakten Informationen in die Gedankenwelt ihrer Klienten zu übersetzen.

Inzwischen hat Koray seinem Berufsberater die Notlüge verziehen, und sich gesagt: "Okay, gibst du dem Alten noch eine Chance." Der hat ihm kurz darauf einen Platz in einem berufsvorbereitenden Lehrgang in Zehlendorf besorgt. Dort sollen ein halbes Jahr lang Kenntnisse in verschiedenen Handwerksbranchen vermittelt werden. Bau, Elektro, Fliesen, Sanitär. Der Bereich Metall, zu dem Kfz-Mechaniker gehört, ist nicht dabei. Nach kurzem Bedenken war Koray einverstanden. Er fand, das klinge "ganz okay". Außerdem hätten seine Eltern Druck gemacht. Seine Mutter hat 25 Jahre elektronische Bauteile bei Siemens gelötet. Dann hat Siemens sie entlassen. Sein Vater ist ohne Arbeit, er verbringt seine Zeit im Vereinslokal eines Fußballklubs. Auch Koray selbst hat keine Lust, "weiter wie ein Penner zu leben". Oder "mit dem Klauen anzufangen. Herr Schulz-Brüssel, der seinen Job seit 1970 macht und schon "einige Maßnahmekarrieren" gesehen hat, überlegt bereits jetzt, welche seiner "Kunstgriffe" ihm bei Koray Tas nach dem halben Lehrgangsjahr noch bleiben. Rico Czerwinski

Boulevard Berlin:
Was die Stadt bewegt...

Punkt zwölf Uhr öffnet sie heute ihre Ladentür. Zum ersten Mal. In der Ackerstraße 154 verkauft Ayzit Bostan ihre eigene Kollektion. Die Designerin ist Neu-Berlinerin aus München - und Türkin. Das lässt nur der Name ahnen, schwarzhaarig sind schließlich viele, und ihr Hochdeutsch verrät nicht mal die bayrische Wahlheimat. Die in Berlin viel diskutierten Sprach- und Ausbildungsschwierigkeiten ihrer Landsleute kennt Ayzit Bostan nicht. "Das ist ein hausgemachtes Berliner Problem", sagt sie. Denn sie begreift sich selbst vor allem als Europäerin. An Berlin passt der 32-Jährige bisher nur eines nicht: der graue Himmel. Die "beschauliche" Ackerstraße mit Blumenladen, italienischem Stehimbiss, Töpferei und Antiquariat kann sie begeistern. Und der Gasthof mit bayrischer Flagge, der ein bisschen Heimat für die neue Nachbarin bietet. Sie findet Berliner inzwischen netter als manch einen grantligen Bayern - unverbindliche Schwätzchen beim Einkauf oder Capuccino erinnern sie an Amerika. Die junge Frau hofft, dass die Ackerstraße "normal bleibt" und nicht überkandidelt wird, wie andere Gegenden in Mitte und Prenzlauer Berg, wo blasiertes Jungvolk mit Geld von Papa und Mama eine große Welle schiebt. So was findet sie schlicht zum Kotzen.

Geld von Papa und Mama hat die Absolventin der Münchener Meisterschule für Mode nicht zu verschleudern. Dankbar ist sie den Eltern trotzdem, achteten sie doch darauf, dass aus den vier Kindern etwas wurde. 1972 war die Familie nach München gezogen, wo der Vater als Elektroschweisser arbeitet. Ayzit entdeckte nach dem Gymnasium ihre Lust an Mode, lernte Damenschneiderin, besuchte die Modeschule und arbeitete freiberuflich. 1997 bekam sie den Münchener Förderpreis für angewandte Kunst und eröffnete in ihrer Heimatstadt ihren ersten Laden mit eigener Kollektion.

Im vergangenem Herbst kam sie erstmals nach Berlin - beim Designer Debut 2000 der "Vogue" war Ayzit Bostan eine der drei nominierten Fashion-Newcomer, die mit ihrer Frühjahrs- und Sommerkollektion 2001 Runway-Premiere hatten. Nicht wegen der Mode ist sie jetzt hierher gezogen. Was in Berlin in "komischen Verbänden" abgeht, findet die selbstbewußte Türkin eher gruslig - "je schlechter einer ist, desto mehr Tamtam macht er". Nein, ihr gefiel ganz einfach die Stadt, und einen Tapetenwechsel hatte sie sowieso geplant. Eine Wohnung fand sie in der Winsstraße, in der Ackerstraße durch Freunde den Laden. Dessen Interieur ist minimalistisch und cool wie die Bostan-Kollektion in gedeckten Farben - "ich mag keine laute Mode". Eine riesige Rampe aus Pappe verdeckt geschickt eine Treppe in den Keller und bietet zugleich Platz für Kreationen. Elegant-moderne "kleine Schwarze" gibt es, Oberteile aus Stoff oder Leder mit raffinierten Ausschnittlösungen und edel schimmernde gerade Hosen in perfektem Schnitt, die zusammen mit einem kurzen Hosenmantel als abendliches Outfit ebenso passend sind wie tagsüber als Businesslook. Alles, sogar die witzigen Nieten-Armbänder, ist auf Maße wie die der zierlichen Ayzit Bostan zugeschnitten. Maximal darf Frau die Größe 40 haben. Heidemarie Mazuhn

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