Berlin : Zwei Wissenschaftler schaffen aus Familienfotos ein Abbild der Gesellschaft

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"Wir haben doch nichts erlebt" - diesen Satz haben Susann Hellemann und Lothar Binger oft gehört. Da waren die beiden Kulturwissenschaftler, Partner im Leben und bei der Arbeit, stets anderer Meinung. "Menschen machen Geschichte. Sie wissen es nur nicht", sagt er, der einst die Berliner Geschichtswerkstatt mitbegründete. Belege für diese Wechselbeziehung zwischen Geschichte und dem privaten Leben jedes Einzelnen haben die beiden in 25-jähriger Arbeit in An- und Verkaufsläden, auf Flohmärkten und in Nachlässen aufgestöbert - Hunderte, Tausende, Zehntausende Privatfotos von Familienfeiern, Reisen und anderen Anlässen, bei denen der Deutsche gern auf den Auslöser drückt. Über 150 000 Fotos, von den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts bis heute, haben sie bisher gehortet - ein Album der Deutschen, anrührend, komisch, vor allem aber aufschlussreich.

Anfangs habe sie Schwierigkeiten gehabt, in den Fotoalben fremder Menschen zu blättern, bekennt Susann Hellemann. Dann aber siegte der objektivierende Blick des Wissenschaftlers, der im Individuellen das Allgemeine sucht. Diese Rückschlüsse können auch die Besucher der von ihnen konzipierten Ausstellung über Silvesterbräuche ziehen, die derzeit in Neukölln zu sehen ist. Vor dem 1. Weltkrieg posierten die Feiernden - schon allein wegen der langen Belichtungszeit - recht steif vor der Linse. In den roaring twenties sind Gesichter, Haltung und Kleidung deutlich gelockert, ein Zeichen für die Demokratisierung der Gesellschaft, wie Binger findet. Selbst banale Bildgegenstände lassen dabei tief blicken. So ragen in den zwanziger Jahren immer wieder Bettpfosten ins Bild - Zeichen der beengten Wohnverhältnisse. Zwischen die Silvesterbilder sind als Beispiele der offiziellen Geschichtsschreibung immer wieder Neujahrsansprachen deutscher Staatsoberhäupter geschaltet.

Erhellendes über schleichende gesellschaftliche Veränderungen förderten Binger und Hellemann auch in anderen Ausstellungen zutage, etwa in einer über Kinderspiele, die 1993 gezeigt wurde. Eine begleitende Studie, bei der 6000 Schüler befragt wurden, zeigte, dass Klassiker wie Gummitwist oder "Himmel und Hölle" praktisch ausgestorben sind. Das Auto hatte die Kinder von der Straße in die Kinderzimmer getrieben, wo sie der Bildermacht von Fernsehen und Videospielen überlassen sind.

Doch nicht nur das Fotomotiv, auch der Blick des Fotografierenden dokumentiert Veränderungen. Stand die Amateurfotografie früher noch auf einem vergleichsweise hohen Niveau, setzte sich ab den siebziger Jahren mit der massenhaften Verbreitung einfacher Fotoapparate eine Knipshaltung durch, mit der anlassfrei alles fotografiert wurde, was vor den Sucher kam. Die Folge ist eine Inflation verwackelter, unterbelichteter Bilder aus verwaschenen Farben, die nichts zeigen außer einer grenzenlosen Beliebigkeit. Grundsätzlich jedoch sei der fotografierende Mensch ein emanzipierter.

Susann Hellemann und Lothar Binger werden weiter im deutschen Familienalbum blättern, geplant sind Ausstellungen über den Berliner Witz und den Tod. "Wir haben noch so viele Schätze, die wir veröffentlichen wollen", sagt Lothar Binger. Deutschland privat, Fortsetzung folgt.Die Ausstellung über Silvesterbräuche ist noch bis zum 9. Januar in der Galerie am Körnerpark, Schierker Straße 8, jeweils von 11 bis 17 Uhr zu sehen.

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