Berlin : Zwei Wochen in Lebensgefahr

Gekidnappter 20-jähriger Russe nach Zahlung eines hohen Lösegelds freigelassen. Polizei: Das waren Profis

Jörn Hasselmann

Der spektakulärste Entführungsfall der letzten Jahre hat ein glückliches Ende genommen: Unbekannte ließen in der Nacht zu Donnerstag den 20 Jahre alten Vadim Freinkman nach zwölf Tagen unversehrt frei. Wenige Stunden nach dem Verschwinden am 18. August hatten sich die Täter bei Mutter Nelly gemeldet – und mit den Tod des Jungen gedroht, sollte kein Geld fließen. Nach offiziellen Angaben wurde von der Familie ein „sechsstelliges“ Lösegeld bezahlt; auch eine Million war zu hören. Die Summe ist am Dienstagabend im brandenburgischen Pausin übergeben worden – wie, dazu schweigt die Polizei – nur so viel: „Wir haben dabei keine Anhaltspunkte gewonnen.“

„Einer der komplexesten Fälle“, sagte gestern der Leiter des Landeskriminalamtes, Peter-Michael Haeberer. Nachdem die Mutter die Polizei am Tag nach dem Verschwinden informiert hatte, trat sofort der „Führungsstab Schwerstkriminalität“ zusammen, der sich dann „Soko St. Petersburg“ nannte, da die Mutter des Entführten zum Teil dort arbeitet. Bis zu 200 Beamte waren in den vergangenen zwölf Tagen im Einsatz.

Um das Leben des jungen Mannes, der die israelische und russische Staatsangehörigkeit hat, nicht zu gefährden, wurden die Bedingungen der Entführer erfüllt – und nicht wie sonst mit Hinhaltetaktik gearbeitet. Da die Freilassung erst 24 Stunden nach der Geldübergabe erfolgte, hatten die Täter viel Zeit, um das Geld zu prüfen und zu zählen. Die Einschätzung der Ermittler: Das waren Profis. Direkt gesprochen mit den Entführern hat die Polizei nicht, wie der „Kontakt“ aussah, blieb offen. Nach Aussagen des Entführten sei er von den drei russischsprachigen Entführern gut behandelt worden.

Am Abend des 17. August war Freinkman mit einem Freund am Potsdamer Platz im Kino, sie sahen „Superman“. Nach der Vorführung trennten sie sich, Freinkman stieg in seinen dunkelgrünen VW Passat mit Kennzeichen B-CD 6543 und fuhr nach Neukölln. Dort, vor seinem Wohnhaus in der Hermannstraße 128, erwarteten ihn gegen halb drei Uhr früh zwei Unbekannte. Sie drängten ihn in sein Auto zurück und rasten mit ihm davon. Der Wagen wurde zwei Stunden nach der Freilassung in der Kreuzberger Boppstraße gefunden. Vermutlich wurde der 2006er-Abiturient in Berlin in einer Wohnung gefangen gehalten. Er wirkte erschöpft, aber körperlich unversehrt, sagte LKA-Chef Haeberer gestern. Er durfte sich waschen und bekam zu essen.

Offen blieb, ob Nelly Freinkman das Lösegeld selbst zusammengebracht hat oder der russische oder deutsche Staat einsprang. Die Mutter lebt seit vielen Jahren in der Hermannstraße, arbeitet als Psychologin in einer Charlottenburger Praxis und als Wissenschaftlerin. Schlagzeilen machte die Mutter vor Jahren, als sie verdächtigt wurde, wertlose Abschlusszeugnisse der Universität St. Petersburg verkauft zu haben. Sie war später von ehemaligen Studenten auf Rückzahlung der Ausbildungskosten verklagt worden. In Zeitungsberichten war damals die Rede von 450 000 Mark, die Freinkman kassiert haben soll.

Keine Anhaltspunkte gibt es, dass die Entführung vorgetäuscht sei. Der junge Mann hat ab dem kommenden Wintersemester in Berlin einen Studienplatz für Maschinenbau und ist der Polizei nach eigenen Angaben bislang nie aufgefallen.

Folgende Fragen haben die Ermittler: Wer hat Freitag, 18. August, gegen 2 Uhr in der Hermannstraße 128 etwas beobachtet? Wer hat gesehen, wie Freinkman am Mittwochabend gegen 22 Uhr auf der Stubenrauchbrücke in Neukölln freigelassen wurde? Telefon 4664 910 500.

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